Musik

Der Größenwahn hat einen Namen: Kanye West

„Yeezus“ heißt sein neues Album – eine Offenbarung

Das dürfte vielen Ungarn eine große Freude machen, denn Kayne West gönnt einem ihrer großen alten Stars ein kleines Gastspiel. Auf dem Album „Yeezus“, es ist Wests sechstes, taucht die Band Omega aus Budapest mit ihrem 70-jährigen Sänger János Kóbor auf. Dieser Kóbor wird in Ungarn als Franz Liszt der Rockmusik verehrt. In „New Slaves“, dem allerschönsten Song der Platte, singt Kóbor auf Ungarisch, dann senkt sich die Blende, und das Lied ist aus. „Gyöngyhajú Lány“ heißt es, auch auf Deutsch gab es das einmal unter dem Titel „Perlen im Haar“. Vor 40 Jahren war es in der DDR ein Hit.

Der Rest der Welt steht „Yeezus“ etwas ratlos gegenüber. Der kaputte Klang des Albums wird von Kritikern beklagt. Die abseitigen Samples werden Kanye West als Snobismus ausgelegt. Vor allem richtet die Musikkritik sich gegen ihn als Popstar und Persönlichkeit. Er selbst hält sich für eine biblische Gestalt, den schwarzen Jesus. Der Mozart des Hip-Hop ist heute ein Medienmonster, das die Präsidenten von Amerika belehrt und Nachwuchskünstler demütigt. Auch in die Vorhölle des Fernsehens ist er hinabgestiegen. Kim Kardashian, seine Frau, lebt dort in der erfolgreichsten Familiensoap Amerikas. Als Kim und Kanye nun ein Kind geboren wurde, brachte West zeitgleich sein Werk zur Welt.

Kein einfältiger Straßenrapper

Um seine Botschaft zu verkünden, wandte er sich an die „New York Times“, er stellte sich mit Henry Ford, Walt Disney und Steve Jobs auf eine Stufe und erklärte: „Ich kenne die Antworten. Ich verstehe Kultur. Ich bin der Zellkern.“ Kanye West ist alles andere als ein einfältiger Straßenrapper, der vor Größenwahn kaum laufen kann. Er will durchaus, dass „Yeezus“ an seiner Figur gemessen wird. Das Album hat er zuerst ausgewählten Hörern in einer New Yorker Lagerhalle laut und übersteuert vorgespielt, und im „New Yorker“ war von einem rücksichtslosen Rachewerk die Rede. Wer als Musikkritiker schneller als das Album sein wollte, schrieb beim „New Yorker“ ab oder über die Fundstücke im Netz. Schrieb über Kanye West, den Krach und seinen Knall.

Jetzt kann sich jeder „Yeezus“ anhören, in aller Ruhe und so oft es nötig ist, um sich ein solches Album zu erschließen. Die CD klemmt blank in ihrer Plastikhülle wie der Rohling einer Raubkopie. Allein die Rechtsvermerke der benutzten Samples kleben hintendrauf. Zehn Songs, 40 Minuten, Goldener Schnitt. Er wolle eigentlich nie mehr machen als immer bessere Musik – auch das hat Kanye West bei der Premiere in New York gesagt. Oder wie er es gleich in die Welt hinausbellt: „Fuck whatever y’all been hearing!“ Was schert ihn Musik von gestern? Heute lässt er Synthesizer nicht wie Streichorchester klingen, sondern wie die seelenlosen Soundmaschinen, die sie sind und deren Herr er ist. Ein Kinderchor erscheint zur Huldigung: „He’ll give us what we need. It may not be what we want.“ Auch wenn es nicht das ist, was wir erwarten, werden wir es brauchen.