Kunstsache

Schlangenbeschwörerin in Charlottenburg

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Cornelia Schleimes Pinsel, findet Emma, kennt keine Grenzen. Vielleicht ist das so, seit sie die DDR in den Achtzigern Richtung West-Berlin verließ. Das ist lange, lange her, doch Erfahrungen prägen, zumal die Künstlerin im Arbeiter- und Bauernstaat nicht ausstellen durfte. Ihre Bilder entsprachen partout nicht den Normvorgaben des Sozialismus. Die Stasi setzte sich auf ihre Spur. Sie ließ sich nicht unterkriegen, ihre Punkband trug den schönen Namen „Zwitschermaschine“. Ihre Vergangenheit holte sie ein, in den Neunzigern stellte sie ihre Stasi-Serie „Bis auf weitere gute Zusammenarbeit“ aus.

Jetzt malt sie, was sie will, manchmal in kecker Erotik oder surreal wie das Punk-Schneewittchen auf Droge. Den Papst, schöne Frauen als Nonnen, mit Vogelköpfen oder Windsbräute, die irgendwie mehr Hirsch sind als Mensch. Manchmal wirkt das ganz schön dekorativ, Schleime darf das, sie spielt gerne mit der Oberfläche, buchstabiert die Formen der Malerei durch.

Derzeit ist die Malerin ganz auf die Schlange gekommen. „Leise spricht die Zunge“ heißt die abgeschlossene Serie, die sie in der Galerie Michael Schultz zeigt. Seit Jahrzehnten arbeitet sie mit dem Galeristen zusammen. Ihre Großformate, an die zwei Meter breit, liegen bei 29.000 bis 54.000 Euro.

Mit diesem Tier kann sich freilich nicht jeder gleich anfreunden, zumal sich diese Nattern in Schleimes Frauenporträts schlängelnd im Dekolleté bewegen oder sich wie ein exotischer Turban um den Kopf der Lady drapieren. Cool sind viele der Frauen, unnahbar und distanziert, zeigen uns die „Kalte Schulter“. Emma und ich gucken immer wieder in die Gesichter, eine Nähe zu den Damen aber mag sich nicht einstellen. Schön und gefährlich zugleich sind sie: Schleime tänzelt auf dem Grat der Doppeldeutigkeit. Woher ihre Liebe zu diesen Reptilien herrührt, wissen wir nicht.

Schleime hat einmal erzählt, dass sie eigentlich keine Geschichten erzählt in ihren Bildern, das stimmt freilich nicht. Denn die Schlange ist nun mal die Inkarnation des Bösen, die symbolisierte Vertreibung aus dem Paradies. Und Medusa wuchsen schließlich auch Schlangen auf dem Kopf. Das denkt jeder mit, und das weiß die Malerin, die Anfang des Monats sechzig wird, allzu genau. Sie lebt in Berlin, doch wenn sie arbeiten will, fährt sie ins Brandenburgische, dort hat sie einen Landsitz. Da ist mehr Luft, mehr Ruhe, kein Trubel, Zeit, um sich auf die Reptilien zu konzentrieren.

„Alchimistin“ wird sie manchmal genannt. Klingt rätselhaft, hat aber mit ihrem langjährigen Malverfahren zu tun, das die Textur ihrer Gemälde so besonders macht. Emma stellt sich vor eine der Schlangen-Frauen, um das genau zu studieren. Schleime benutzt für die Malerei flüssigen Schellack. Man gewinnt diese Substanz durch Läusekot, der in Alkohol angelöst wird. Früher wurden daraus die schönen, schwarzen Platten gemacht, heute verwendet man die Lösung beim Instrumentenbau und für die Restaurierung von Antik-Möbeln. Emma googelt gleich, für ein Kilo braucht man 300.000 arme Läuse.

Trägt man den Lack auf, glänzen die Acrylfarben intensiv wie ein Lacktisch, manchmal glitzrig wie Make-up-Glimmer unter den Augen einer Frau. Oder aber die Substanz „zerfrisst“ das Acryl, wuchert quasi aus der Leinwand heraus. Es braucht schon jede Menge Erfahrung, um diesen Prozess in seiner malerischen Ästhetik überhaupt einzuschätzen. Und eines ist klar, in der Schönheit lauert bei Cornelia Schleime immer auch ein bisschen Verfall.

Galerie Michael Schultz Mommsenstr. 34, Charlottenburg, Tel. Di-Fr 10-19 Uhr. Sa 10-14 Uhr.Bis 29. Juni.

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien