Katharine Mehrling

„Ich wollte immer eine andere sein“

Katharine Mehrling ist Berlins neue Operettendiva. Dabei ist sie seit Jahren auf den Theaterbühnen erfolgreich. Ein Treffen

Katharine Mehrling ist seit zehn Jahren eine verlässliche Bühnengröße in der Stadt, in immer anderen, wunderbaren Rollen. Doch trotzdem schafften es selbst manche vom Fach, sie offenbar so hartnäckig zu ignorieren, dass sie jetzt, bei ihrem wirklich furiosen Auftritt als jodelnde, tanzende, singende, Frack tragende, allerbeste Operettenlaune versprühende Daisy in Paul Abrahams „Ball im Savoy“ an der Komischen Oper die abgegriffene Zeile von „a star is born“ herauskramten.

Dieser Stern freilich leuchtet schon einige Zeit nicht nur in der Berliner Theaterwelt. Schaden können solche Schlagworte natürlich nicht. Schließlich durfte die strahlende Mittdreißigerin, die sich gerade noch als 98-jährige Frau Mehrling in einem seltenen Akt von augenzwinkernd mit der eigenen Zukunftsidentität öffentlich spielenden Realitätsbruch auf der Bühne des Renaissance-Theaters in Erik Gedeons schon ewig laufendem Songdrama „Ewig jung“ produziert hat, ihre gesamte Energie erstmals auf einer ganz großen Berliner Bühne gebündelt ablassen.

Schwärmt für Barrie Kosky

Worüber sie sofort ins Schwärmen kommt. Nicht über sich, sondern über ihre Partner, die wandelbare Dagmar Manzel, aber vor allem über den Intendanten und Regisseur Barrie Kosky: „Der ist für mich wie ein Atomkraftwerk, nein das ist nicht nett, eine Solarzentrale. Der glüht für seine Mission, hat ewig Energie wie die Sonne.“ So hat sie mit Freuden zugesagt, als eine Kollegin schwanger wurde und La Mehrling zum verfrühten Debüt in der Behrenstraße kam. Kosky hatte sie schon längst auf dem Radar als eines der Zentralgestirne für sein Operettenrevival.

„Bei mir hat es immer so funktioniert“, sagt fast schon verfrüht lebensklug die Mehrling. „Die tollsten Pläne lösten sich in Luft auf, für einen Kinofilm, der kurzfristig abgesagt wurde, hab ich sogar auf ein Engagement im Pariser Olympia verzichtet, doch es kamen wiederum ganz wunderbare Dinge aus dem Nichts. Das genieße ich dann um so mehr.“

Beiläufig im Gespräch wird Gigi mit Wasser und Leckerei versorgt. Die ältere Hundedame ist ein Bolenka Zwetna. „Ähnlich wie der von Barbra Streisand. Ich hatte sie schon bei einem Züchter in Pankow ins Herz geschlossen, zögerte aber noch. Als dann beim Streisand-Konzert 2007 in der Waldbühne deren Samantha auf die Bühne durfte, war es für mich wie eine Fügung, und ich habe mir am nächsten Tag meine Gigi geholt.“

Katharine Mehrlings asymmetrisches Puppengesicht mit den ersten, sympathischen Lebensspuren hat sich warmgeredet. Sie ist gelassen, sprüht aber vor Energie, muss sie wohl: Sie ist gegenwärtig in gleich drei Rollen in Berlin zu erleben, neben der quirligen Daisy in Mitte und der Alten in Charlottenburg spielt sie am Schlossparktheater in Steglitz bis Ende Juni die vorerst letzten Vorstellungen des clever gemachten Judy-Garland-Stücks „End of the Rainbow“ von Peter Quilter, ein Hit am Broadway und im Londoner Westend, über deren letzte, selbstzerstörerische Tage. Da ist sie die kleine Dorothy und die früh verfallene Judy, immer aber auch die Mehrling, die den größten Garland-Hits mit zarter Melancholie und schmetterndem Schmelz Stimme gibt. Katharine, das Chamäleon.

„Nö“, kommt es sofort, jeden Anflug von Dialektfärbung aus der Herkunft hessische Provinz meidend. „Ich wollte immer schon eine andere sein. Und ich weiß inzwischen, ich kann das. Meine Rollen und Charaktere sind oft anwesend. Sie umschweben mich. Und wenn ich mental bereit bin, mache ich meine Türen auf und lasse die Partien zu mir kommen.“

So muss es wohl sein. Wunder und Rausch der Verwandlung. Heute Marilyn Monroe, morgen Evita, immer wieder Edith Piaf, dann Judy, Tippi Hedren im für sie komponierten Hitchcock-Musical „Die Vögel“ und bis vor Kurzem in Dortmund, bald auch wieder in Nürnberg und Chemnitz Streisands „Funny Girl“ – schwer und souverän lastend auf schmalen Schultern nicht nur wegen der 25 Kleiderwechsel. In Berlin switcht sie nicht zum ersten Mal zwischen mehreren Partien und Theatern, sie wechselte auch schon zwischen „Pinkelstadt“, „Piaf“ und „Cabaret“ in der Bar jeder Vernunft, wo sie 250 Mal Sally Bowles war, „jeder Abend war anders. Ich wiederhole mich nie.“ Nur auf ihren silbernen Plateauschuhe („tagsüber trage ich nur Gesundheitstreter“), die sie für zehn Pfund in London gekauft hat, auf denen stöckelte sie vor dem „Ball im Savoy“ auch schon bei ihrer „Wintergarten“-Show. Und die Piaf, die ist vorbei: „Diese Figur ist für mich so intensiv, sie fordert nahezu all meine Energie, deshalb habe ich mich entschieden, sie nicht mehr zu spielen. Da müsste schon ein besonderes Angebot kommen.“

Beim Grand-Prix-Vorentscheid

Katharine Mehrling, die Eltern führten in Ostheim die Musikkneipe „Tenne“, hatte, anders als die beiden älteren Geschwister, schon mit drei Jahren Stimme und stand gern auf der Bühne. Sogar auf einen Vierjahresvertrag mit Ralph Siegel hat sich die 14-Jährige eingelassen, 1987, in der Post-Nicole-Ära, wurde sie Siebte von zwölf bei der deutschen Grand-Prix-Vorentscheidung. Wir verraten ihren damaligen Namen nicht, doch die alten Clips zeugen – Spitzenhandschuhen, fieser Dauerwelle und Porno-Make-up zum Trotz – von Reife und Professionalität. „Danach wusste ich genau, was ich nicht wollte“, kommt es spitz über ein sehr abgeschlossenes Karrierekapitel.

Mehrling brauchte ihre Zeit. Arbeitete bei „Tee-Doubleyou-Äy“ (ihr Englisch ist wunderbar theatralisch), studierte dann Schauspiel und Gesang in London und New York, „zum Musical kam ich aber über die Putzfrau einer Schauspielschule“. Längst schlüpft sie in die großen legendären Rollen, in „Hair“ und „Grease“, in „Irma la Douce“ und „Bleib noch bis zum Sonntag“. Zum Ausgleich schreibt sie sich inzwischen selbst Lieder, zwei eigene Shows hat sie auf die Beine gestellt, „Bonsoir, Katharine!“ war natürlich auch eine Hommage an die andere Catarina. Sie hat sich unter Jim Raketes schmeichelndem Objektiv für ihre erste CD „Am Rande der Nacht“ in einer Berliner Pension gerekelt, und hat, vertont von ihrem geschätzten Freund, dem Klarinettisten Rolf Kühn, rausgelassen: „Ich will heut kein Sushi, nix vom Bäcker, ich will nur dich, du bist so lecker.“

Endlich darf sie mal wieder schön und sinnlich auf der Bühne sein, „nach der Greisin und dem Drogenwrack“. Stichwort Erotik: „Ich brauche das auf der Bühne, es muss leidenschaftlich knistern.“ Katharine Mehrling streckt sich wohlig auf dem Stuhl, packt die Hundekuchenreste in eine Plastiktüre. Zwei for the road dürfen noch sein, dann geht es wieder hinaus in den Tag.