Opern-Kritik

Eine Verdi-Oper mit Schmelz und ohne Handlung

Deutsche Oper führt „Attila“ in guter Sängerbesetzung auf

Manchmal meint man, die Oper der guten alten Zeit, wenn sie sich nicht von vornherein als Komische Oper deklariert, ähnele verteufelt unseren Fernseh-Krimis. Spannung, Mord und Totschlag, Tränen und Klage-Arien reichen sich die Hand und lösen den schier unendlichen Publikumsjubel aus. So geschehen in der Philharmonie bei Giuseppe Verdis weitgehend unbekanntem „Attila“. Es handelt sich dabei bereits um neunte Oper des fleißigen Komponisten. Die Sängerleidenschaft war Verdis Spezialbegabung schon in jungen Jahren. „Attila“ ist bis zum Rand gefüllt mit geradezu explodierender Melodik. Er kennt sich bravourös aus mit dem Heilcreme melodischer Süßigkeit, dem Rezept für das Nachsingen. Auch wenn die Handlung undurchsichtig und oft geradezu irre erscheint. Um dieser Genialität des Komponisten gerecht zu werden, bedarf es freilich eines kongenialen Interpreten am Pult. Die Deutsche Oper hat ihn für ihren „Attila“ in Pinchas Steinberg gefunden, in Berlin seit Jahrzehnten ein gern gehörter Gast. Er hat viel Pfeffer, Musizierlust, dramatischen Spürsinn auf der musikalischen Pfanne. Ob Chor, Orchester oder Solisten, er steht ihnen allen, vor allem aber natürlich Verdi, zu Diensten.

Aber natürlich hat die Deutsche Oper ihm auch ein Ensemble zur Verfügung gestellt, wie man es in der Bismarckstraße nicht alle Tage zu hören bekommt. Die Absage von Erwin Schrott in der Titelpartie hat wenig Gewicht. Er wird von Roberto Tagliavini mit Delikatesse vertreten. Er singt die Partie mit gezügelter Inbrunst, wie es sich für einen Herrscher, nicht einzig im Reich der Oper, gehört. Die Frau an seiner Seite ist die grandiose Liudmyla Monastyrska, ein dramatischer Sopran, der geradezu Funken zu sprühen weiß. Sie ist zweifellos von den Zehenspitzen bis zu den Haarwurzeln mit Verdis Musik aufgeladen.

Massimo Giordano ist ein liebenswürdiger Tenor, ein Liebhaber, der sich mit Vorliebe auf Stimmbändern anschleicht und am Ende dann triumphiert. Dalibor Jenis ist der allseits unbeliebte Bariton vom Dienst: eine Librettisten-Notwendigkeit, zu der aber selbst Verdi nur wenig einfiel. Aber auch so schon ist es reichlich genug, um aus der Oper „Attila“ eine musikalische Entdeckung des Jahres zu machen.