Film

Der Schatten des Vaters

Vor 67 Jahren warfen die Sowjets den Schauspieler Heinrich George ins Gefängnis. Sein Sohn Götz spielt nun die letzten Monate des Vaters nach

Den Mai und den Juni 1945 in Berlin, die Zeit zwischen der Besetzung durch die Russen und der Ankunft der West-Alliierten, muss man sich wohl als eine Art Zwischenreich vorstellen, zwischen Hölle und Fegefeuer, dem Rauch schwelender Häuser und dem Staub der ersten Aufräumkommandos, der Hoffnung auf Neuanfang und der Furcht vor Bestrafung. Die Familie George – Heinrich (51, Schauspiel-Gigant), Berta (43, Schauspielerin), Jan (13, Sohn) und Götz (6, Sohn) – war Ende April im Ruderboot über den Kleinen Wannsee geflohen, als sich Rote Armee und Wehrmacht in der Nähe ein Infanteriegefecht lieferten. Nach einer Woche, Berlin nun russisch, war sie in ihre Villa zurückgekehrt.

„Ich bin bald wieder da“

Am 14. Mai kamen die Russen zum ersten Mal, nahmen George mit, ließen ihn am nächsten Tag frei, gaben ihm Lebensmittelkarten für die Familie mit. Eine Woche später folgte wieder ein Tag Haft, am 26. Mai die dritte Festnahme. Sie dauerte drei Tage, mit niedrigen Diensten tagsüber, Verhören in der Nacht. Ein Nachbar besorgte ihm danach einen Schutzbrief des sowjetischen Stadtkommandanten. Der jedoch starb am 16. Juni bei einem Motorradunfall. Am 22., heute vor 67 Jahren, holte man George erneut aus der Bismarckstraße 34 ab. Er sollte nie mehr zurückkehren.

Wir sehen diese Szene in dem Dokudrama „George“, und es ist Götz George, der sich in den Wagen zwängt und der zurückwinkt zu Muriel Baumeister, die seine Mutter spielt, und dem Kinderdarsteller, der ihn selbst verkörpert: „Ich bin bald wieder da!“ Es ist die Szene, auf die viele seit vielen Jahren gewartet haben, das wäre doch was, der Götz George als der Heinrich George, aber der Sohn hat abgelehnt, sich geziert, tausend Einwände vorgebracht. Nun, da er über zwanzig Jahre älter ist, als sein Vater es wurde, hat er mitgemacht.

Es ist eine Geschichte, wie es sie nur einmal zu erzählen gibt. Ein deutscher Superstar, eigentlich ein Linker, der sich mit den Nazis arrangiert, nein, für sie ausdrücklich Propaganda macht und noch zwei Wochen vor Kriegsende zum Durchhalten aufruft. Ein Sohn, der vier Jahrzehnte später selbst zum Großstar avanciert ist, den Vater stets rückhaltlos verteidigt hat und nun die Chance erhält, sein Bild ein für allemal zu prägen, für die Filmewigkeit. Man hätte fürchten können: weißzuwaschen, statt zu prägen. Aber dies ist ein Dokudrama, kein Spielfilm. Das Dokudrama ist das einzige in Deutschland erfundene Genre seit den Karl-May-Filmen (aus denen der Italo-Western entstand) vor fünfzig Jahren, und so hat es etwas Sperriges, Ernsthaftes. Es lebt von der Recherche, von der Suche nach der Wahrheit und der Anerkenntnis, dass es mehrere geben könnte.

Und so wählt Joachim Lang, SWR-Abteilungsleiter und Dokumentarfilmer, die klassische Wahrheitssuch-Situation, das Verhör: George in den Kellern des Gefängnisses Hohenschönhausen, befragt von einem russischen Oberleutnant mit deutsch klingendem Namen. Die Dialoge sind dokumentiert im Vernehmungsprotokoll des NKWD, der Politgeheimpolizei der Sowjets, und sie sind seit Mitte der Neunziger einsehbar. Towarisch Bibler war gut munitioniert mit belastendem Material, es gab eine Fülle öffentlicher Loyalitätsbeweise Georges zum NS-System. Die begannen mit seiner Rolle als kommunistischer Vater von „Hitlerjunge Quex“, der acht Monate nach der Machtergreifung in die Kinos kam und ein Signal in die Kulturlandschaft sandte: Seht her, George, der an der linken Volksbühne Gorki gespielt und Geld für die Rote Hilfe gesammelt hat, macht nun Propagandafilme für die neue Regierung. Es sollte nicht der einzige bleiben, „Unternehmen Michael“, „Jud Süß“, „Die Degenhardts“ und die Durchhaltefilme „Das Leben geht weiter“ und „Kolberg“ folgten.

Die Nazis wussten, was sie an George hatten. Er war ungeheuer populär in Deutschland und hoch geachtet im Ausland, und er war umso wertvoller, weil sich hier augenscheinlich ein Roter in einen Braunen hatte verwandeln lassen. Langs Film springt aus dem NKWD-Keller immer wieder zurück zu den Weichenstellungen, etwa ins Jahr 1933, als Georges Ehefrau Berta Drews ihm wegen „Quex“ Vorhaltungen macht. „Du wirst uns alle ins Unglück bringen“, warnt sie, aber er bügelt das weg. Er könne doch nicht nach Hollywood emigrieren, „weil dieser Suppenkasper Kanzler wird“, und es sei zwar ein Scheißfilm, „aber der Laden muss ja laufen“, und dieser Antisemitismus sei wohl schlimm, „aber der Spuk ist bald wieder weg“.

Ein Dokudrama kann die Spannung das Ungeklärtseins aushalten, und es ist Götz George hoch anzurechnen, dass er sie nicht nur zugelassen, sondern sich auch eingebracht hat, das Gesicht, den Körper, die Blutsbande. Joachim Lang knüpft ein immer dichter werdendes Netz aus Originalaufnahmen, Zeitzeugenberichten, Jan und Götz an den Orten ihrer Jugend sowie nachgedrehten Szenen, und den Höhepunkt erreicht dieses Ineinanderverweben mit dem „Postmeister“.

Heinrich George hat die Titelfigur der Puschkin-Erzählung 1940 im Kino verkörpert, von wo der Film ein Jahr später verschwand, als die Sowjetunion zum Feind wurde und keine sympathischen Russen mehr erwünscht waren. 1946, inzwischen im Lager Oranienburg inhaftiert, hat George den „Postmeister“ wieder gespielt, auf einer Behelfsbühne und auf Russisch, für ein Publikum aus Rotarmisten. Lang verhakt nun die beiden Vorstellungen, den Heinrich aus dem alten Film und den Götz als Heinrich in der Lageraufführung, und dies ist natürlich viel mehr als eine normale Montage.

Am Schluss sagt es Götz: „Du hast mich immer überholt. Du warst besser. Du warst besessener.“ Das ist kein Eingeständnis von Unterlegenheit, sondern eine Erkenntnis über den gemeinsamen Beruf, der sich geändert hat und keine heiligen Monster wie Heinrich mehr will, sondern reflektierte Schauspieler – wie Götz. „George“ ist auch ein Friedensschluss mit dem übergroßen Schatten.

„George“ läuft am 22. Juli auf Arte und am 24. Juli in der ARD