Klassik-Kritik

Ein Pianist, der weder provoziert noch polarisiert

Rafal Blechacz im Doppel mit Geiger Daniel Stabrawa

Bewundernswerter Mut oder riskanter Selbstbeweis? Daniel Stabrawa, erster Konzertmeister der Philharmoniker, fordert das Schicksal geradezu heraus. Ganz allein betritt er das Podium. Zwei Solosonaten von Bach und Ysaÿe liegen auf dem Notenständer bereit. Solistische Gipfelwerke, voller polyphoner Unbequemlichkeiten und virtuoser Extreme. Mit Gewalt gegen die Natur der Geige komponiert.

Stabrawa wirkt nervös. Verständlicherweise. Denn eigentlich ist er schon seit vielen Jahren kein Solist mehr. Das Konzertmeister-Dasein scheint an ihm nicht spurlos vorübergegangen zu sein. Es hat seinen individuellen Ton verändert, seine ganze Persönlichkeit. Stabrawa ist gewohnt zu führen. Verantwortung zu übernehmen. Kontrolle und Überblick zu bewahren. Die Leidenschaften seiner Orchesterkollegen zu bündeln und zu kanalisieren. Darin ist er einer der Weltbesten. An den Erfolgen der Philharmoniker hat er maßgeblichen Anteil. Bei Bach und Ysaÿe werden Stabrawas Konzertmeister-Qualitäten allerdings zum Hindernis. Denn er lässt nicht wirklich los. Hinterfragt immer wieder seine Gefühle, zügelt seine Leidenschaften. Versagt sich selbst bei Ysaÿes Sonate op. 27 Nr. 4 jegliche Verrücktheiten. Sein zuweilen rauer, etwas angestrengter Tonfall: gewöhnungsbedürftig.

Ohne jede Effekthascherei

Beruhigende Abwechslung bietet danach der glasklare, noble Anschlag des Pianisten Rafal Blechacz. Der junge Pole, Chopin-Wettbewerb-Gewinner von 2005, spielt Debussys „Suite bergamasque“ so wohlüberlegt und gediegen, dass man gar nicht anders kann als ihm zuzustimmen. Auch wenn man Debussy eigentlich ganz anders mag. Blechacz ist und bleibt ein Pianist der goldenen Mitte. Ein seriöser Interpret, der weder provoziert noch polarisiert. Der ohne jegliche Effekthascherei zum inneren Wesen der Musik dringt. Äußerlich wirkt er wie ein 15-jähriger Musterknabe, sitzt steif und überkorrekt am Steinway. Doch zugleich entlockt er dem Instrument zeitlose Weisheiten.

Mit Stabrawa, seinem Landsmann, bildet er im zweiten Teil ein spannendes Doppel. Voller Gegensätze und Widersprüche laufen sie in Mozarts F-Dur-Violinsonate KV 376 nebeneinander her. Blechacz‘ schwebende Kantilenen wendet Stabrawa ins Expressive, lieblichen Plaudereien begegnet er mit Schwermut. Auch in der Zugabe, dem Adagio aus Brahms‘ dritter Violinsonate op. 120, haben beide Musiker grundsätzlich andere Auffassungen. Stabrawas gewichtiger spätromantische Ton kontrastiert mit Blechacz‘ luftiger Begleitung.

In Szymanowskis Violinsonate op. 9, dem Höhepunkt des Abends, ziehen sie dagegen beherzt und leidenschaftlich an einem Strang. Kaum zu glauben, wie selten dieses klangschillernde Frühwerk des polnischen Komponisten im Konzertsaal zu hören ist. Bemerkenswert auch, wie stark Stabrawa aufblüht, wenn er begleitet wird. Wie schnell der Druck der ersten Hälfte von ihm abfällt.