Konzert

Er verwandelt jede Frau in eine „pretty woman“

Ein Kraftakt in zweieinhalb Stunden: Bon Jovi begeistert mit Musik und Augenzwinkern seine 22.000 Fans in der Waldbühne

Aus logistischen Gründen wurde das Konzert vom Olympia-Stadion in die Waldbühne verlegt. Vermutlich wurden einfach nicht so viele Tickets verkauft. Aber wenn dann 22.000 Bon-Jovi-Fans in die deutlich kleinere Waldbühne ziehen, geht da logistisch einiges schief. In die schwitzige Abendsonne hinein blicken ziemlich viele verärgerte Gesichter. Die gebuchten Sitzplätze gibt es nicht mehr. Ein Drunter-und-Drüber und überforderte Ordner, sie heißen heute Abend „Stewards“, die auch nicht wissen, was sie mache sollen. Ganz oben haben sie sogar Tribünen aus Stahl dazu gebaut, um dem Ansturm gerecht zu werden.

Er rauscht vorbei

Um zwanzig vor acht springt endlich der kleine Mann auf die Bühne. Mit Akustik-Gitarre, Weste und nichts unter der Weste. Die Achseln sind rasiert. „That's What The Water Made Me“ von der im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichten Platte „What About Now“. Offene Akkorde, die gelockten Synthesizer David Bryans, die wie Tröten klingen und ein nicht mehr enden wollender Refrain. Er geht beim Spielen tief in die Knie, von links nach rauscht er an den Wellen formenden Armen der ersten Reihen vorbei. Natürlich muss Bon Jovis Schlagzeuger Tico Torres spezielle Handschuhe zum Trommeln tragen. Er kommt noch aus dieser Zeit, in der Männer, die in Bands spielten, immer Handschuhe tragen mussten, genauso wie Gitarristen in dieser Zeit irgendwelche Tücher um die Beine oder Arme wickelten.

Nur einer fehlt: Richie Sambora. Im April veröffentlichte Sänger Jon Bon Jovi ein Statement, dass Sambora aus persönlichen Gründen aus der laufenden Welt Tournee ausgestiegen sei. Die beiden, die zusammen die größten Hits Bon Jovis zusammen schrieben, wurden 2009 in die Songwriters Hall of Fame aufgenommen. Es heißt, man habe sich zerstritten.

Schaut man dem Sänger, der eigentlich John Francis Bongiovi heißt, zu, erschreckt man. Selten hat man einen Menschen gesehen, der so nah daran ist, Gott zu sein. Oder es in diesem Moment so fühlt. In jedem Schulter-nach-vorne-Drücken, in jeder geschürzten Schnute, in jedem Tänzeln der Lack-Schuhe, in jedem Augenzwinkern, das er an seine weiblichen Fans richtet, steckt eine überirdische Gestik, ein Ich-weiß-ich-kann-Dich-sofort-haben, zu jeder Zeit, an jedem Ort, zumindest theoretisch.

Er wolle nicht so viel reden, meint er nach dem zweiten Song. Um halb elf muss das Konzert beendet sein. Und vielleicht brauche er auch noch einen Schlafplatz, und wieder kommt das Zwinkern zum Einsatz und schon singt er „Raise Your Hands“, um gleich danach „Born To Be My Baby“ anzustimmen. Songs, die Frauen gerne hören. Klar wären sie gern sein Baby.

„It's My Life“, der Comeback-Song, mit dem Bon Jovi 2000 sich auf einmal wieder zurückmeldeten, nachdem sie fünf Jahre keine Platte veröffentlicht haben. Wie sich das wohl für einen richtigen Fan anfühlt, dass nicht Sambora das „woa-woa“ in die Talkbox singt, sondern der Aushilfs-Gitarrist Phil X. Eine Talkbox ist ein Gerät, dass man an den Gitarrenverstärker anschließt, man hat dann so ein Mundstück und kann durch seine Stimme den Gitarrenton verändern. Während Sambora 2011 zum Drogenentzug ging, half X bereits aus.. „It's my life/ it's now or never/ I ain't gonna live forever“. Recht haben Bon Jovi. Einundfünfzig ist ihr Sänger im März geworden.

Und während die Maschine des Präsidenten langsam in den Sinkflug geht, es ist viertel nach acht, stimmen Bon Jovi „Because We Can“ an. Im Wahlkampf standen Bon Jovi Obama stets zur Seite. Jon Bon Jovi durfte sogar schon in der Airforce One mitfliegen.

Dreißig Jahre gibt es Bon Jovi jetzt. Zwölf Platten haben sie inzwischen aufgenommen. Die trippelnden Keyboard-Akkorde, das Einzahlen: „Runaway“. Ein Solo wie ein Rausch nach Whiskey-Cola, kribbelig, schwindelig machend, leicht süß im Mund. „Es ist Zeit ein paar Münzen zusammen zu kratzen, um die Jukebox anzuwerfen!“ Sowohl Bon Jovi , als auch ihre Fans wollen für immer in einer amerikanischen Rockwelt leben, in der man Oldtimer fährt, Grashalme zwischen die Zähne steckt und die Jungs Riesen-Türme aus Gitarrenverstärker aufstellen. Die Mädchen von früher, die heute Frauen in Hemden und Dreiviertelhosen sind, stehen immer noch auf solche Typen. „We Got It Goin' On“ – sexy geächzt, und den Hampelmann, und noch einige Tanzschritte die nach Aerobic aussehen. Dem Eismann gefällt es auch. Er holt aus seiner Tasche zwei Eis, braun gebrannt sind seine Arme von den vielen Außeneinsätzen dieses Jahr. Auch er singt „Keep The Faith“. Jon Bon Jovi schüttelt zwei Rasseln mit einer Hand und tanzt mit kreisenden Hüften, wie um eine unsichtbare Frau, und der Eisverkäufer macht es ihm nach, nur, dass er anstelle der Rasseln eben zwei Cornetto in der Hand hält.

Das Klavier, das hallende Jaulen der Gitarre „Bed Of Roses“. Wer will dort nicht einmal liegen? Paare, die sich bestimmt nicht mehr so häufig in der Öffentlichkeit mit Zunge küssen, rücken dicht aneinander und küssen sich gefühlt ein Leben lang. Eine Frau im Mittelblock wird ohnmächtig, wahrscheinlich wegen der Hitze. Die Menschen um sie herum winken und rufen nach Sanitätern. John singt immer noch, als die Dame wieder zu sich kommt.

Nach einer Stunde und vierzig Minuten spielt die Band „Pretty Woman“. John küsst dabei fast den anderen Gitarristen Bobby Bandiera, sie singen zu zweit in ein Mikrofon. Ding-Ding-Ding-Ding-Ding-Ding-Ding und wieder die gestrichenen Akkorde, die durch den Refrain führen. Spätestens jetzt fühlen sich alle Damen wie lauter pretty women. Allein dafür hat es sich gelohnt.

Es ist erstaunlich, eigentlich ist Bon Jovis Stimme nicht besonders, sie quäkt sogar sehr, wenn man ehrlich ist, aber trotzdem schafft er es so ohrenschmeichelnd zu quäken, dass ihn die Waldbühne niemals mehr loslassen will. Da spielt einer zweieinhalb Stunden und bei der Zugabe können sie immer noch nicht genug haben. Der Mond steht zunehmend über der Waldbühne.