Musik

„Ich wähle Angela Merkel“

Die Berlinerin Marusha, dienstältester weiblicher Discjockey des Landes, über den Kulturwandel im Land und ihre Begeisterung für die Kanzlerin

Als Angela Merkel 1994 Bundesumweltministerin wurde, feierte Marusha ihren größten Erfolg mit „Over The Rainbow“, einer heiteren Technoversion des Klassikers aus dem Film „Der Zauberer von Oz“. Seither ist die 46-jährige Berlinerin als DJ unterwegs in aller Welt. Michael Pilz hat mit ihr gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Sie haben schon vor vier Jahren kein Geheimnis daraus gemacht: Werden Sie in hundert Tagen wieder CDU wählen?

Marusha:

Ich wähle Angela Merkel. Ob ich in London auflege oder in New York: Seit die Bundeskanzlerin das Land repräsentiert, interessiert sich die Welt für Deutschland. Ich freue mich jeden Tag, dass wir auch Krisenländern helfen können. Wir sind die Sanierer. Die Bausparermentalität, wie sie Angela Merkel an den Tag legt, ist die Kultur unserer Wertegesellschaft.

Das ist auch Ihre Kultur?

Sparen ist ratsamer als Schulden machen. Schauen wir nach Südeuropa, wo es die Länder versäumt haben, innerhalb ihrer Kultur ein langfristig funktionierendes System zu entwickeln. Und jetzt müssen wir, als finanzstärkstes Land, dafür bezahlen. Das uns Deutschen beigebracht zu haben, war Angela Merkels stärkster Move.

Aufgewachsen sind Sie in Griechenland. Fühlen Sie sich als Griechin?

Ich bin Deutscheuropäerin. In Griechenland bin ich niemandem begegnet, der Steuern gezahlt hätte. Die Töpfe fürs Gemeinwesen waren immer leer.

Stimmt es, dass Ihre griechische Mutter in einer Bank gearbeitet hat?

Bei deutschen Banken allerdings. Sie ist ein Geldfuchs, und sie hat es natürlich kommen sehen in Griechenland.

Sie wählen Angela Merkel, weil sie Europa erzieht?

Ich wähle sie, weil sie diszipliniert ist, intelligent und bescheiden. Sie ist eine Person, die nicht laut sein muss. Ich halte sie für sehr emotional. Aber sie lebt ihre Gefühle nicht in der Politik aus. Sie weiß auch nicht, wo wir in fünf bis zehn Jahren stehen werden. Aber sie gibt uns Ruhe und Sicherheit. Das schafft kein Peer Steinbrück in seiner Arroganz und Häme. Ein kluger Mann, aber unmodern. Keiner für meine Generation.

Und wenn Merkel in der SPD wäre?

Dann würde ich SPD wählen. Angela Merkel verrichtet ihren Dienst mit beispielloser Leidenschaft für unser Land und unsere Gesellschaft. Sie ist jeden Tag woanders, sie ist nie krank, sie kommt mit allen klar. Das ist modern.

Leidenschaft wird ihr selten bescheinigt. Sie gilt als eher nüchtern.

Sie steckt voller Leidenschaft.

Darf man so persönlich wählen in einer Demokratie wie Sie?

Wenn es der Gesellschaft dient: ja.

Haben Sie vor Merkel CDU gewählt?

Ja. Da war Helmut Kohl noch an der Regierung. Das hat mit meinem Elternhaus zu tun, ich komme aus Bayern. Seit Adenauer stand Deutschland wirtschaftlich unter der CDU immer am besten da. Der Topf muss so voll sein, dass auch die Ärmeren und Schwächeren versorgt werden können. Ich brauche keine Partei mit kühnen Prognosen. Bei Angela Merkel bin ich gern Bürger, ich zahle gern Steuern, dieses Land ist meine Heimat.

Kann Angela Merkel „die Crowd lesen“, wie man als DJ sagt?

Oh ja, das kann sie. Vielleicht auch, weil sie aus dem Osten stammt: Sie muss nicht ihre Berater googeln lassen, wo Eisenhüttenstadt liegt. Sie weiß, wie es sich da lebt.

Vielleicht muss sie Duisburg googeln.

Das glaube ich nicht. Möglicherweise müsste sie Massachusetts googeln. Wer im Osten aufgewachsen ist, weiß mehr über die BRD, als der BRDler über den Osten. Außerdem ist sie Physikerin: Wenn sie nicht weiß, was sie dem Volk sagen soll, sagt sie lieber nichts.

Als Physikerin weiß sie, was Kernenergie ist. Als Umweltministerin war sie dafür, seit Fukushima ist sie dagegen. Ist sie glaubwürdig?

Opportunismus ist okay, solange er dem Wohl aller dient. Angela Merkel hat gelernt. Ich war schon immer für eine Welt ohne Kernkraft. Aber solange wir gedankenlos Licht brennen und Rechner laufen lassen, ist die Politik machtlos.

Ist die Kanzlerin cool?

Sie ist kontrolliert. Dass sie sich nie bei Popkonzerten zeigt wie andere Politiker, finde ich super. Dafür lässt sie beim Fußball ihren Gefühlen freien Lauf und zeigt der Welt, dass die Deutschen sich auch mal gehen lassen können.

War Techno eine soziale Revolution?

Natürlich. Ohne den Mauerfall hätte es Techno nie gegeben. Ich komme aus dem Westen, und ich liebe den Osten. Der Osten hat unser Land offener und freier gemacht, nicht nur sexuell, auch im Umgang miteinander. Angela Merkel macht niemanden kleiner, um selber größer da zu stehen. Sie ist nie dickköpfig, sie ist einfach stabil.

Sie glauben, dass Ihr als Bundeskanzlerin die DDR-Sozialisation eher hilft als schadet?

Auf jeden Fall. Es gibt ja dieses Buch von Gertrud Höhler, die Angela Merkel wegen ihrer Vergangenheit die Eignung abspricht. Ich habe 1990 beim Ostberliner Rundfunk den Umbruch miterlebt. Das hat mich an Griechenland erinnert, es gab wenig von allem, aber es gab viel Herzlichkeit. Erst durch den Osten habe ich meine Liebe zur Nation entdeckt.

Können Sie mit dem Begriff bürgerlich etwas anfangen?

Ich komme aus gutbürgerlichem Hause. Ich bin bodenständig und vernünftig. Ich habe nie Drogen genommen in meinem Leben, nie gekifft, finde aber, das muss jeder für sich entscheiden, ganz liberal.