Ausstellung

Der Künstler vom Kaiserdamm

Horst Antes wurde mit den „Kopffüßlern“ schon euphorisch gefeiert, war aber auch nahezu vergessen. Im Gropius-Bau ist er wiederzuentdecken

Der Meister ist abwesend. Trubel mag er halt nicht. Wer ihn kennt, weiß, der Mann ist scheu. Drei Tage hat Horst Antes im Martin-Gropius-Bau seine erste Einzelschau gehängt. Dann die Kapuze über und weg war er.

Das kann er so machen, weil er in Berlin den wohl besten „Werkverwalter“ hat, den er nur haben kann: Joachim Sartorius, lange Jahre Chef der Berliner Festspiele, seit Jahrzehnten kennen sich die beiden. Sartorius selbst also kuratiert die Schau seines Freundes und schreibt dazu den Katalogtext. Die beiden trafen sich – da war Sartorius Kulturattaché in New York – 1976 eines Abends offenbar unter dem Bett eines bekannten Galeristen, bei einer Vernissage. Beide passionierte Literaturliebhaber suchten dort nach bibliophilen Schätzen. Klar, so etwas verbindet. Antes hat bis heute ein Atelier am Kaiserdamm, doch den größten Teil des Jahres verbringt er in Italien, wo er zwischen Siena und Florenz ein Anwesen besitzt, nur verständlich. Seinen Job als Chianti-Weinbauer hat er indes aufgegeben.

Wie wir wissen, ist der Kunstmarkt so launenhaft wie eine Diva. Erst wird ein Künstler euphorisch gefeiert, genauso fix kann er wieder weg sein. Antes ist es in etwa so gegangen, seine Karriere begann kometenhaft, er wurde international ausgestellt und gesammelt. Schon als Student erhielt er Stipendien in der Villa Romana in Florenz und der Villa Massimo in Rom. Teilnahme an der Documenta 3, 4 und 6, Biennalen von Venedig und Sao Paulo, Einzelausstellung im Guggenheim New York und und und. Die Leihgaben kommen heute aus USA, Japan, der Schweiz, den Niederlanden. Es ist so, dass eigentlich jeder Antes kennt, besser gesagt mindestens einen von seinen bunten, seltsamen „Kopfüßlern“. Erfunden hat er sie Anfang der Sechziger. Das sind jene gestauchten Figuren mit XXL-Kopf und dicken Beinen, ohne Hals und Körper, dafür mit rätselhaften Zyklopenaugen, die schräg irgendwo im Gesicht hocken. Offenbar konnte jeder diesen Zwitterwesen auf die eine oder andere Weise etwas abgewinnen.

Poster im Schlafzimmer

Es gab Zeiten, da hingen Poster in so manchem Schlafzimmer. Diese Zeiten allerdings sind vorbei. 1982 hört Antes nämlich auf, diese Figuren zu malen. Und die wenigen Köpfe, die er noch darstellt, sind nur noch Schablonen oder vage Schattenrisse. Vielleicht hat eben diese Zäsur, der Verlust seines Markenzeichen, damit zu tun, dass der Kunstmarkt ihn nicht mehr so richtig lieb hat.

„Diese Einengung seines Werkes auf den ,Kopffüßler’ ist ungerecht in der Fülle des Gesamtwerkes“, findet Sartorius. Deshalb sei diese Schau, so hofft er, so etwas wie eine Neubewertung des vielgestaltigen Oeuvres. Tatsächlich hat Antes viel, viel mehr gemacht als nur diese Köpfe, dazu Lithografien, Skulpturen und an die sechzig Bücher und Mappenwerke. Um eine Schneise zu schlagen, wählte Sartorius einen „puristischen Kurs“, der sich ganz auf die Entwicklung der Malerei von den Anfängen 1958 bis ins Jahr 2010 konzentriert. Hundert Bilder sind hier chronologisch versammelt und drei, vier Plastiken. Drei Themenräume gibt es, zum Motiv des Kopfes oder seiner Wahlheimat Italien – das besondere Licht, die großen Maler der Renaissance. Und: Begleitend zum Gropius-Bau zeigt die Galerie Deschler in Mitte ganz frühe Werke, die bereits auf die „Geburt des Kopffüßlers“ hindeuten. Die Exponate stammen aus einer Privatsammlung in Süddeutschland.

Es ist gut, sich Antes’ Entwicklung einmal vor dem Hintergrund der Geschichte der jungen Bundesrepublik anzuschauen. Schließlich gehörte er, Jahrgang 1936, zu den wichtigsten Künstlern der Zeit. HAP Grieshaber, sein engagierter Lehrer an der Akademie in Karlsruhe, war kämpferisch und politisch, glaubte tatsächlich an die Erneuerung der Gesellschaft durch die Kunst.

In den legendären „Darmstädter Gesprächen“ ab 1950 ging es um den kulturellen Wiederaufbau des Landes, philosophische Größen wie Adorno, Heidegger und Horkheimer saßen auf dem kritischen Podium. Die Jahre davor hatten die Nazi die Kunst geprägt, alles andere wurde als „entartet“ diffamiert. Nun also drehte sich alles um den Entwurf eines neuen „Menschenbildes der Zeit“. Und das sollte nicht figürlich sein, weil eben unter Ideologie-Verdacht, sondern abstrakt. Abstraktion stand eindeutig für die „Kunst der Demokratie“.

Reine Farbe

Antes beginnt gestisch mit der reinen Farbe, gelangt Ende der Sechziger zu den abstrahierten Köpfen. Egal ob einzeln, paarweise oder zu dritt – sie erhalten nun sogar ihren Raum, bühnenartige Kulissen, seltsam der Zeit enthoben. Ein wenig erinnern sie an die surrealen Interieurs eines de Chiricos. Verblüffend, wie Antes seine Figuren zwanzig Jahre später von der Leinwand verjagt und zur monumentalen Abstraktion (zurück)kommt. „T-Shirt 2“ (1991) zeigt nichts anderes als ein schwarzes Monochrom mit porösen Einsprengseln, erzeugt durch die Mischung von Acryl und Sägespänen.

Mit den „Häusern“ kehrt Antes, wenn man so will, auch in die Stadt zurück, hohe Fassaden, dicht an dicht, nur schwarz und blau, sehr strenge, geometrische Varianten von Wohnblöcken und „Berliner Fenstern“. Am Ende stehen „3 Häuser“, vor drei Jahren entstanden, knapp fünf Meter breit. So hell und licht, so streng und grafisch war Antes wohl noch nie. Antes hätte sich vom „aggressiven Gestiker“ zum „geometrischen Minimalisten“ entwickelt, so hat US-Kunsthistoriker Donald Kuspit einmal gesagt. Schöner kann man das wohl nicht formulieren.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Mi-Mo 10-19 Uhr. Bis 16. Sept. Katalog: 20 Euro. Öffentliche Führungen: Samstags, 14 Uhr.Galerie Deschler, Auguststr. 61. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 7. Sept.