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Stoff für den Sommer

Es muss ja nicht immer Rilke sein – vier Unterhaltungsromane deutscher Autoren für die bevorstehenden Tage am Strand

1. Der schummelnde Mann

Der angehende Chemielaborant Till Gericke ist Ende 20 und braucht eine Bleibe im überfüllten Hamburg. Sein Geld ist knapp, da ihm seine Eltern nichts mehr überweisen, nachdem sie herausfanden, dass er sich von den monatlichen Zuwendungen ein 500-Euro-Sushimesser gekauft hatte. Auf WG-Suche lobt der gerade von seiner Freundin verlassene Till auch noch „die letzte Besenkammer“, bis er schließlich eine Traumwohnung findet. Direkt an der Elbchaussee gelegen mit Riesenbalkon, drei Mitbewohnerinnen und günstig. Das Problem: Die Frauen-WG will keinen Mann als Mitbewohner. Till greift zur Notlüge und sagt kurzerhand, er sei schwul. Es geht natürlich alles schief, denn die Zuneigung zu zwei der Mitbewohnerinnen macht Till einen Strich durch die Rechnung.

Der Autor Alexander Broicher ist erfahren, schrieb bereits Drehbücher für die TV-Serie „Verliebt in Berlin“. Das merkt man an der gut gesponnenen Erzähllinie. Als Till etwa bei seiner Ex-Freundin seine Sachen abholen will, um sie in die neue Wohnung zu bringen, schreibt sie ihm, sie sei leider schon auf der Autobahn – mit ihrem neuen Liebhaber, ihrem Chef: „Ich sah Kathrin mit wehendem Kopftuch in einem Porsche Cabrio an der Seite ihres Chefs, der gerade ein ebenso hochriskantes wie hirnrissiges Überholmanöver einleitete, während Kathrin entzückt auflachte.“

Interessant ist ein gedanklicher Parforceritt vom pleitebedingten Cheeseburger-Genuss Tills am Bahnhof Altona, der zur Verwahrlosung führen soll: „Von da an ging der soziale Abstieg ganz schnell: Burgeressen, Unwohlsein, antriebslos nach einem Job suchen und keinen finden, die Wohnung verlieren, ohne Wohnung erst recht keinen Job bekommen, vor McDonald’s auf der Straße, um das Wechselgeld der Burgeresser betteln.“

„Unter Frauen“ ist eine rasante Erzählung geworden, die kein Reisegepäck beschweren würde.

2. Der romantische Mann

Max Plättgen ist ein Hallodri Anfang zwanzig, der zwischen seinen drei Jobs – Newsreporter bei einem Boulevardsender, Pseudonym-Schreiber beim Kölner „Express“ und Feierabendtexter bei einer Werbefirma – pendelt. Eigentlich hasst er alle drei Jobs, aber für irgendwas braucht man ja immer das Geld, in seinem Fall finanziert es seinen Partylebensstil.

Eines Tages, die jeweiligen Chefs machen ihm gerade sehr zu schaffen, da er immer verspätet bei der Arbeit erscheint, geht er auf eine Feier seines Kumpels Lenny und betrinkt sich mit Gin. Dort lernt er die schöne Spanierin Ana kennen und flirtet mit ihr. Am nächsten Morgen wacht er mit einem Büstenhalter ans Bett gefesselt auf und Ana ist weg. Es entspannt sich eine Schnitzeljagd durch Spanien bei der Max, von seinen zwei Freunden Lenny und Wilhelm unterstützt, versucht, seine flüchtige Bekanntschaft wieder zu finden. Um die jeweiligen Arbeitgeber nicht zu verärgern und seine Jobs nicht zu verlieren, fingiert er Nachrichten und schickt sie an die Zentrale.

Der Debütroman von Philipp Reinartz wagt einige Storysprünge, die meist gut gehen. Die Sprache ist einfach, aber klar. Eine Dosis Machismo bekommt der Leser auch mit, was einen interessanten Kontrast zum romantischen Max ergibt. Wenn Max und seine Kumpels sich etwa in der Öffentlichkeit über Beziehungen unterhalten, bemüht der Frauenheld Lenny stets Fußballanalogien, um die Umwelt in die Irre zu führen. So sagt Lenny: „Ich würd sowieso als Mittelklasseverein immer darauf setzen, entweder junge Spieler zu bekommen, die sich bei deinem Club weiterentwickeln wollen, oder alte, die ihre Karriere langsam ausklingen lassen.“ Gelungen ist eine Persiflage der Geisteswissenschaften, bei der Wilhelm vor einer Horde Germanisten gezwungenermaßen ein Lied eines Schlagerbarden analysieren muss, dass er lässig „runter interpretiert wie Peter Scholl-Latour den Nahostkonflikt.“

„Katerstimmung“ ist keine tiefschürfende Analyse der Gegenwart, aber ein perfektes Strandbuch, dass man schnell und mit Spaß durchlesen kann.

3. Der unentschlossene Mann

Der Musikredakteur Tobias Krapp stammt aus einem anhaltinischen Dorf, lebt aber mittlerweile in Berlin-Mitte und ist mehr schlecht als recht zufrieden mit seinem Leben. Irgendwas fehlt dem Mittzwanziger zum Glücklich sein, alles scheint wie grauer Brei und eine Liebste hat er auch nicht. Jeden Morgen wacht er mit einem gegähnten „Aaarfz“ auf und versucht Schreibblockaden mit Shoppingtouren zu überbrücken.

So entwickelt er in seinen Tagträumen die etwas spinnerte Idee, in das Weltall zu fliegen. Mehr oder weniger ernsthaft fängt Tobias an, sich darauf vorzubereiten mit zaghafter Leibesertüchtigung und selbst gekochter und gequirlter Astronautennahrung aus Nudeln und Nüssen. Auf einer Party lernt er dann die hübsche Roxanne kennen und erzählt ihr von seinem Plan, woraufhin sich zwischen den beiden eine SMS-Flirtbeziehung entwickelt. Der Handlungsstrang wird immer wieder von längeren Betrachtungen der eigenen Familie, zum Beispiel ausgedehnten Kaffeekränzchen mit Mutter und Vater im Heimatdorf, verlängert.

Die Erzählung ist zum Teil bemüht witzig. Als Tobias etwa seiner Mutter am Bahnhof eine Tulpe und sich eine Laugenbretzel gekauft hat, schreibt Markus Herrmann in seinem Erstlingsroman: „Zum Glück habe ich das nicht durcheinander gebracht, sonst hätte ich meiner Mutter jetzt eine Laugenbretzel (ofenfrisch) übergeben und zuvor eine Tulpe verspeist.“ Darunter mischen sich dann aber hin und wieder nette Beobachtungen, wie etwa über Unterschriften für Paketannahmen: „Und was macht man damit? Sicherlich für rechtliche Fälle, klar. Aber das nimmt einem doch keiner ab. ‚Sie haben hier unterschrieben!’ – ‚Ähh, das ist ein Strich, der aussieht wie ein Regenwurm?’“

Die romantische Liebesgeschichte zu Roxanne birgt eigentlich Potenzial, sie taucht aber selten im Erzählstrang auf und verläuft dann auch recht erwartungsgemäß. „Aaarfz“ ist ein unaufgeregter „Generation Maybe“-Roman

4. Die gestresste Frau

Sophie ist 38 Jahre alt und Karriere-Frau. Als Psychologin arbeitet sie bei einem Berliner Assessment-Center, wo Bewerbungstests für Führungskräfte durchgeführt werden. Sie lebt zusammen mit ihrem gut aussehenden Verlobten, Johann, der viel bei der Arbeit ist, aber sie zu lieben scheint. Nur ein schwerwiegendes Problem hat Sophie: Sie will ein Baby und das will nicht klappen, trotz hochkarätiger Hilfe von Fachärzten.

Nach einem besonders stressigen Tag bei der Bewerber-Auswahl gerät alles aus dem Ruder. Sophie hat sich nicht mehr unter Kontrolle und wird von ihrer strengen Chefin in einen Zwangsurlaub geschickt. Auf der dann folgenden Flugreise nach Wien, wo sie den gerade dort weilenden Johann besuchen will, lernt Sophie eine Tochter Sigmund Freuds, Mathilde Freud, kennen. Die erzählt ihr von einem mystischen Ort in Südtirol, Marienbrunn, wo allerlei Frauenleiden geheilt werden sollen. Sophie gelangt dorthin und trinkt vom Wasser, das heilende Kräfte haben soll. Sie verstrickt sich in Liebesgeschichten und lernt neue Freundinnen und Feindinnen kennen.

Die Geschichte der Henri-Nannen-Preisträgerin Susanne Leinemann hat starke Momente, etwa die Passagen, die von der scharfen Konkurrenz und den verrückten Auswüchsen der Wirtschaftswelt handeln. So werden einem Kandidaten, der dem jüngsten Teilnehmer den Vortritt bei einem Rettungs-Rollenspiel lassen will, schlechte Job-Chancen eingeräumt: „Sophie machte sich einen Vermerk. Warum ließ er sofort jemand anderem den Vortritt, kämpfte nicht um sein eigenes Überleben? ‚Kein gutes Selbstwertgefühl’, notierte sie. ‚Keine Führungskraft’“. Für Freunde von Liebesromanen wird „Sommer mit Nebenwirkungen“ eine Freude sein.

Markus Herrmann „Aaarfz“, 222 Seiten, 8,99 Euro, DuMont

Philipp Reinartz „Katerstimmung“, 254 Seiten, 13,99 Euro, Rowohlt

Susanne Leinemann „Sommer mit Nebenwirkungen“, 348 Seiten, 14,99 Euro, Diana Verlag

Alexander Broicher „Unter Frauen“, 175 Seiten, 18 Euro, Atrium