Biografie

„Wir sind genial: Ist Dir das klar?“

Dennis Hopper war die Kopie von James Dean. Sagt sein Biograph

Wenn wir, nach 400 atemlosen Seiten, die Biografie aus der Hand legen und uns fragen, ob wir diesen Dennis Hopper zu Lebzeiten in unsere Nähe gelassen hätten, werden die Antworten sehr unterschiedlich ausfallen. Dabei, das geht einem in diesem Moment auf, haben wir ihn schon in unsere Nähe gelassen. Tom Folsoms Buch ist wie eine Begegnung mit Hopper, wie ein stundenlanger Monolog des Künstlers in Beichtlaune, weitschweifig, ein Konglomerat aus Anekdoten, kaum hinterfragt, weitgehend uninterpretiert. Eine Auslegung leistet sich der Pop-Biograf Folsom doch: Dennis Hopper sei die Weiterführung von James Dean gewesen, fast ein Leben lang. Er folgt Hopper, wie dieser Dean wie ein Schatten folgte, so in die Villa Capri, wo auch Sinatras Rat Pack abhing, Jimmy aber nur in der Küche aß, eine neue Art Coolness, die die alten, selbsternannten Coolies nicht verstanden.

Das neue Cool, es bestand darin, Camus als Büchlein aus der hinteren Jeanstasche ragen zu lassen oder in der Warner-Garderobe Marihuana zu rauchen. Jimmy legte vor und Dennis folgte, dann legte Dennis noch weiter vor, und Jimmy folgte, wenn er Lust hatte. Dann legte Dennis wieder vor. Mit seinem roten Cabrio rammte er frontal ein Auto, und die bezaubernde Natalie Wood wurde auf den nassen Asphalt geschleudert, war aber klar genug bei Karrieresinnen, um den Rettern nicht die Telefonnummer ihrer Mutter zuzuwispern, sondern die des Regisseurs Nicholas Ray, der ihr die Rolle in „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ noch immer nicht fest zugesagt hatte. Ein paar Monate später legte Jimmy nach, auch eine Frontalkarambolage, aber das Original machte es gründlicher, das Original war tot.

Hopper kombinierte sprühend jungenhaften Charme mit urplötzlichen neurotischen Ausbrüchen, aber von solchen Charakteren konnte Hollywood nicht viele gebrauchen, und diese Funktion füllte bereits Anthony Perkins aus. Dazu kam, dass Dennis Hopper durch das Method Acting nach Studio-Ansicht völlig verdorben war. Beim Dreh zu „Schieß zurück, Cowboy“ ließ ihn der Regie-Veteran Henry Hathaway, der schon Pferde gezähmt hatte, bevor Hopper kam, eine Szene 86mal wiederholen – bis der junge Rebell erschöpft kapitulierte. Danach warf ihn Warner hinaus.

Hopper besaß eine Verachtung fürs Kuschen für die Karriere, wie sie heute undenkbar wäre. Die entstammte einerseits einem riesigen Sendungsbewusstsein. Andererseits speiste sie sich aus einem unfassbaren Selbstwertgefühl. Nach dem letzten Drehtag von „Easy Rider“, Amerikas nahm Hopper Jack Nicholson auf eine Pilgertour zum Grab von D.H. Lawrence mit, und da riefen sich die beiden „Wir sind genial. Ist dir das klar?“ zu. Dann ließ Hopper sein schmutziges, verfilztes Haar abschneiden, legte es in eine Schachtel und schenkte es seiner kleinen Tochter zu Weihnachten.

Tom Folsom Dennis Hopper. Aus dem Englischen von Teja Schwaner.Blessing, 416 S., 22,99 €