Walter Jens

Der Redner dieser Republik

In Berlin leitete Walter Jens zuletzt die Akademie der Künste. Jetzt starb er im Alter von 90 Jahren

Walter Jens ist tot. Walter wer? So mögen mittlerweile Dreißigjährige und Jüngere fragen. Gewiss, zum 80. Geburtstag vor zehn Jahren war er noch in großen Interviews zu Wort gekommen. Doch die Leistungen, die da beschworen wurden, hatten mit der Wirklichkeit des neuen Deutschland kaum mehr etwas gemein. All das glich schon einem Nachruf zu Lebzeiten. Durch seine letzte offizielle Funktion, als Präsident der Akademie der Künste, war Jens ins Kreuzfeuer heftiger Auseinandersetzungen geraten. Noch vor dem Mauerfall gewählt, hatte er die Vereinigung mit der Ost-Akademie zu bewerkstelligen. Eine undankbare Aufgabe – was die einen billigten, verprellte die anderen. Der Ehrenpräsident der Akademie Walter Jens, einer der geistigen Repräsentanten der alten Bundesrepublik, zog sich 1997 nach Tübingen zurück, seiner Hauptwirkungsstätte über Jahrzehnte hinweg. Die Leitung des Deutschen PEN-Clubs (zwischen 1976 und 1982) hatte ihm weit weniger Feindschaft eingetragen.

Im Dezember 2003 bot dann auch Jens das traurige Schauspiel einer ramponierten moralischen Instanz: Akten tauchten auf, der junge Walter Jens sei als NSDAP-Mitglied geführt worden. Dass er sich an keinen Beitritt zu erinnern vermochte, werteten seine Gegner hämisch als übliche Ausrede. Die Recherchen des Historikers Götz Aly, der später den Nachweis erbrachte, es sei sehr wohl möglich gewesen, vom NS-Studentenbund kollektiv in die braune Partei aufgenommen zu werden, interessierten dann niemanden mehr. Es schien, als sollte ein ganzes langes Intellektuellenleben im Dienst an den Prinzipien der Freiheit und Demokratie und Debattenkultur durch einen Fetzen Papier ausgelöscht werden.

Sohn sprach von Verdrängung

Tunlichst wurde dabei verschwiegen: Der Freiburger Student Jens hatte im Juni 1944 (!) vor Kollegen eine Verteidigungsrede für den literarischen Hauptfeind des Dritten Reichs gehalten. Sie schloss mit dem damals wahrlich hochverräterischen Satz: „Thomas Mann, Du großer Dichter, auf Wiedersehen!“ Derlei erforderte beträchtliche Courage, für geringere der so genannten „Heimtückeverbrechen gegen Volk und Staat“ riskierte man Kopf und Kragen.

Dem Sohn Tilman Jens blieb es vorbehalten, die geistige Verwirrtheit des Vaters, das Verdämmern des Bewussteins während dessen letzten Jahren, als Folge der Verdrängung ungeklärter Schuld zu deuten. Neurologen dürften da anderer Meinung sein. Was immer er war: Literat und Philologe; Kritiker und Pamphletist; Übersetzer und Dramatiker; Professor und Romancier – zuerst war er Redner; ein Komödiant auf der Rostra und ein Prediger auf den Brettern der Welt.

Wer versucht, Walter Jens, dem Mann und dem Werk, gerecht zu werden, bedient sich am besten – leicht verändert – jener oratorischen Finten, die er so meisterhaft beherrschte. Denn mit der zitierten Ouvertüre hatte einst Jens seine Rede auf Gotthold Ephraim Lessing eingeleitet, einen seiner literarischen Hausheiligen neben Heine und Fontane und selbstverständlich Thomas Mann. Zum 65. rätselte der protestantische Pfarrer und Schriftsteller Albrecht Goes in einer faksimilierten Festgabe für den „lieben confrère Walter Jens“ angesichts der ungeheuren Produktivität: „… wie macht er das nur? Gibt es da oben am Berg eine Jenserei?“ Das Verblüffende von Jens’ gelehrten, publizistischen und politischen Aktivitäten war deren Fülle und Vielfalt. Wie ging das alles zusammen?

Ein Altphilologe, Ordinarius für Rhetorik auf dem extra für ihn geschaffenen Lehrstuhl, der ein Vierteljahrhundert Fernseh-Rezensionen für „Die Zeit“ verfasste, im Grunde das Genre erfunden hat! Naturgemäß wusste Jens, warum er das Pseudonym „Momos“ wählte: In der griechischen Mythologie war dies der Gott des Tadels und der Schmähsucht gewesen. Dass sich Walter Jens jedoch obendrein als Enthusiast des runden Leders erklärte und sogar als einschlägiger Experte bewährte, weshalb er als „Fußball-Lessing“ verspottet wurde, ging über jegliche akademische Hutschnur. Auf dem grünen Rasen freilich musste sich der seit Kindheitstagen an chronischem Asthma Leidende mit der Rolle des Torwarts begnügen.

War seine Liebe zur schönen Literatur unglücklich? Nicht unbedingt. Doch dass seine frühen erzählenden Arbeiten wie der einem kafkaesken Existentialismus verpflichtete Roman „Nein. Die Welt der Angeklagten“ (1950) auch in Frankreich beachtliche Erfolge erzielten, ließ Jens nicht verkennen: Seine wahre Berufung lag anderswo. Bereits in der Gruppe 47 hatte er sich hauptsächlich als kritischer Geist profiliert.

Plädoyers und Polemik

Als Professor genoss Walter Jens indes nicht bloß in der Tübinger Gelehrtenrepublik Starruhm, seine Vorlesungen hatten Kultstatus über das Studentenmilieu hinaus. Wer sich die Ausstrahlungskraft dieses Mannes durch Schriften vergegenwärtigen möchte, greift besser nicht nach dem immer wieder aufgelegten Buch „Statt einer Literaturgeschichte“. Die gesammelten rhetorischen Glanzstücke sind es, beginnend mit dem Band „Von deutscher Rede“ (1969), die immer noch faszinieren. Denn darin durfte er sein theatralisches Talent ungeniert ausleben. Pathos und Pointe waren dem Dialektiker der Aufklärung keineswegs fremd, er plädierte und er polemisierte, zog sämtliche Register der professionellen Beredsamkeit. Sie, die in Deutschland eher missachtet wurde, in Theorie und Praxis rehabilitiert zu haben, ist sein bleibendes Verdienst.

Je älter er wurde, desto intensiver beschäftigte sich Jens jenseits der Antike mit religiösen Themen – nicht allein als Bibelübersetzer und Exeget. Sein Engagement in der Antiatom- und Friedensbewegung, Stichwort Sitzblockade vor Mutlangen und Aufnahme amerikanischer Deserteure während des ersten Golf-Kriegs, wuchs aus christlichen, nicht ideologischen Wurzeln. Dass der Bürger, der Citoyen Walter Jens und seine Frau Inge – die schreibende, forschende Gefährtin bis zuletzt – deswegen angeklagt und zu Geldstrafen verurteilt wurden, störte ihn nicht.

Im Gegenteil: Der Auftritt bot eine gute Gelegenheit, das Tribunal zur Szene zu machen, auch vor Gericht seinen Standpunkt wortgewaltig zu vertreten. Jens scheute sich auch nicht, von seinen schweren Depressionen zu sprechen oder sich für aktive Sterbehilfe einzusetzen, selbst wenn er später, in hilflosester Umnachtung, wie seine Witwe zu Lebzeiten berichtete, flehen sollte: „Nicht totmachen, bitte nicht totmachen!“ Seine Verächter verhöhnten ihn gerne als „Gutmenschen“ – es focht ihn nicht an, ja, er trug den Titel nicht ohne Stolz. Marcel Reich-Ranicki nannte ihn einmal „Der Redner dieser Republik“. Jetzt ist Walter Jens – dement und sprachohnmächtig – endgültig verstummt: Er starb am 9. Juni 2013 im Alter von 90 Jahren in Tübingen.