Operetten-Kritik

Betrunken vor Freude

„Ball im Savoy“ an der Komischen Oper: Regisseur Barrie Kosky holt den vertriebenen Komponisten Paul Abraham zurück

Am Ende stand eine geradezu rührende Huldigung an Paul Abraham, den Komponisten dieses Muntermachers „Ball im Savoy“, den die Komische Oper mit einzigartiger Verve, Intelligenz und Unterhaltsamkeit aufführt. Mehr noch: Sie reißt das Stück und seinen Komponisten aus dem leidigen Vergessen zurück und installiert ihn, den durch die Nazis Heimatvertriebenen, der im New Yorker Exil auf traurigste Weise zu Tode kam. Seitdem hat man ein einziges Mal in sechzig Jahren den „Ball im Savoy“ in Berlin aufgeführt und ihn bei dieser Gelegenheit gründlich verballert. Abraham sah sich zum alten Operetteneisen gekehrt. Er galt als unreparierbar gestrig.

Das aber ist er gerade nicht, wie die Komische Oper nicht dreieinhalb Stunden lang nachweist. Sie schwelgt in Überraschungen. Immer wenn man insgeheim denkt, nun kann wirklich nichts Neues mehr kommen, öffnen sich die Vorhänge auf der Bühne erneut für eine halsbrecherisch steile Treppe, von deren Spitze die Primadonnen herabsingen, herabgleiten, ihren angekündigten Ball im Savoy feiern, als habe es noch nirgends auf der Welt ein vergleichbares Spektakel gegeben. Hat es auch nicht!

Allein schon der Pfiff, der Schneid, die Wollust, mit der Adam Benzwi vom Pult aus über die Stunden hin die Kapelle in aller Saftigkeit losrasen lässt und die Chöre, die Tänze dazu, das macht die Zuhörer geradezu ganz betrunken vor Freude, obwohl ja nur den Mitwirkenden auf der Bühne immer wieder neue Gläschen serviert werden. Macht nichts: der Anblick dieser rasanten, immer lustig wagemutigen Inszenierung von Barrie Kosky besorgt die Beschwingtheit allein.

Sie kann sich außerdem auf fabelhafte Mitarbeiter verlassen. Otto Pichler besorgt die Choreografie mit außerordentlicher Vehemenz, ob er nun die wohlangezogenen Mädchen oder die zumeist halbnacken Jungen in Gang setzt. Esther Bialas hat sie alle angezogen oder ausgekleidet, je nachdem. Man sieht sich an ihnen nicht müde, genauso wenig wie an den halsbrecherisch wirkenden Bühnenbildern von Klaus Grünberg. Ein Ball im Savoy ist schließlich nichts für Anfänger.

Das sind natürlich auch die frisch verheirateten Marquis und Marquise von Faublas, um die im Stück alles geht. Sie kommen gerade heim von einer schier endlosen Hochzeitsreise, auf der sie nicht versäumt haben, sich schmale, annähernd unsichtbare Mikrofone anzuschaffen. Zum besseren Verständnis.

Und da gibt es auch noch Mustafa Bey, den bereits sechsmal verheirateten türkischen Schwerenöter, der immer auf der Suche nach einer angemessenen Fortsetzung seiner unglaublichen Affären ist. Kein Wunder, er wird aufs unterhaltsamste und liebenswürdigste von Helmut Baumann verkörpert, dem ehemaligen Intendanten des Theaters des Westens. Er kennt sich natürlich glänzend im Umgang mit den Diven aus.

Voran die zierliche, verführerische, blendend singende Katharine Mehrling, da ist aber auch die berauschend tiefstimmige Tangolita, mit bürgerlichem Namen Agnes Zwierka. Doch damit nicht genug: selbst die Dienerinnen und Diener dürfen anrührend duettieren. Christiane Oertel und Peter Renz tun es sanft und liebevoll. Derweil kann sich im Savoy in einer Serie von Stürzen der offenbar schier unverwundbare Dennis Dobrowolski eine ganze Landschaft von Flecken holen. Mit heiler Haut kommen eigentlich nur die Anstifter des ganzes Tumults davon: die wunderbare Dagmar Manzel, auf der eifersüchtig rastlosen Suche nach ihrem fremdgehenden Mann Christoph Späth. Alle gemeinsam singen sich in einen Donnererfolg.

Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel. 2Termine: 12., 15., 18., 21., 23., 26. Juni