Theater-Kritik

Gefährlich lieblose Liebschaften in der Komödie

Frankreich, kurz vor der französischen Revolution: Einem gewissen Vicomte de Valmont ist die Bastille herzlich egal, er erstürmt lieber die Herzen zahlloser Damen sowie die Betten derselben.

Wobei ihm die Betten wichtiger sind als die Herzen. Auch eine zweite wichtige Revolution hat noch nicht statt gefunden, die sexuelle. Weshalb der Autor Choderlos de Laclos mit der Veröffentlichung seines Briefromans „Gefährliche Liebschaften“ 1782 einen handfesten Skandal auslöste. Weil die Mechanismen von Macht und Unterwerfung auf dem Schlachtfeld der Liebe bislang aber ohnehin jeder Revolution trotzen konnten, hebt Regisseurin Amina Gusner, die den Stoff für die Komödie am Kurfürstendamm inszenierte, direkt ins Zeitlose.

Schräg gekippte Metallgerüste simulieren auf der von Johannes Zacher raffiniert entworfenen Bühne Räume, auf den mit Gaze bespannten Seitenwänden schimmern anfangs verschwommen Großstadtlichter, später Handschriften aus dem Briefroman. Auch wenn die Kostüme noch Rokoko zitieren, zum Beispiel als Kombination aus Hosen von heute und Schnürbrust von damals, spätestens die Sprache (die Fassung stammt von Amina Gusner selbst) macht deutlich, dass es hier nicht allein um die Nöte einer dekadenten Aristokratie im ausgehenden 18. Jahrhundert gehen wird.

„Klar machen“ soll er die Frau, so lautet die Arbeitsanweisung der Marquise de Merteuil an den Vicomte. Eigentlich sind es sogar zwei Frauen: Da wäre einmal Madame de Tourvel, eine tugendhafte verheiratete Dame der feinen Gesellschaft. Außerdem soll Valmont aber auch Mitwirkender eines persönlichen Rachefeldzuges der Marquise werden. Und darf zur Belohnung dann selbst eine Nacht mit ihr verbringen. Ihr Ex-Geliebter hat eine Neue, Cécile de Volanges, eine unberührte Klosterschülerin, die er zu heiraten gedenkt. Valmont nun soll das mit der Unberührtheit ändern. Der Fünfte im amourösen Bunde ist ein vergeistigter Musiklehrer namens Danceny, der von Cécile ebenso angebetet wie von der Marquise flach gelegt wird.

Ist das alles nun tragisch oder komisch? Amina Gusner, so scheint es, hat dazu gar keine rechte Meinung. Es fliegen Weintrauben und Kleenex-Tücher, es werden Sitzgelegenheiten verfehlt und Liebescoachings simuliert. Einerseits. Andererseits aber sollen verletzte Herzen und Seelen durchscheinen.

Da sind dann auch die Schauspieler weitgehend auf verlorenem Posten. Bis auf Tim Mackenroths herrlich intellektuell verzottelten Chevalier Danceny. Birgit Schade als giftspritzende Marquise de Merteuil ist zwar richtig gemein, dabei aber eine Spur zu burschikos. Bei Oliver Stritzels Valmont weiß man gar nicht recht, was ihn antreibt: Liebe, Lust, Langeweile? Er hätte Charmeur sein können oder maliziös wie John Malkovich in der berühmten Stephen-Frears-Verfilmung und bleibt doch unentschieden. Die Liebe, sagt Valmont einmal, sei doch etwas anstrengend. Dieser Theaterabend war das leider auch.

Komödie am Kurfürstendamm 206/209 Tel. 88 59 11 88 Bis 6. Juli