Fußball-Turnier

Aus der Tiefe des Raumes kommt ein Geiger

Man kann ja nicht immer nur Feingeist sein. Jedes Jahr messen sich Berlins Musiker in einem Fußball-Turnier. Es geht gut zur Sache

Um 13.36 Uhr ist Anpfiff. Konzerthaus gegen Spezi oben am Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Spezi steht für „Spezialgymnasium“. In der DDR gab es damals vier Stück. Eins in Halle, eins in Dresden, eins in Berlin und eins in Weimar. Das waren Musikgymnasien. Heute heißt die Schule offiziell „Musikgymnasium Carl Philipp Emanuel Bach“. Spezi in Gelb. Konzerthaus in Grün. Es ist das große Turnier der Berliner Orchester. Sieben Mannschaften nehmen teil. Die Philharmoniker, die Deutsche Oper, die Komische Oper, das Konzerthaus, das Bach-Gymnasium, das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und die Staatskapelle Berlin. Das Deutsche Symphonie-Orchester hat dieses Jahr keine Mannschaft zusammenbekommen.

Ein Knacken im Knie

Die Sonne knallt, bestimmt dreißig Grad. Kein Fleckchen Schatten. Nur dieses immer heißer werdende Grün des Kunstrasens, der so gemein die Haut verbrennt, fällt man auf ihn drauf. Die Musiker, diese unendlich gut ausgebildeten Virtuosen, spielen einen außergewöhnlich körperlichen, geradezu robusten Fußball. Die jungen Schüler des Gymnasiums, sie sind in den letzten Zügen ihrer Pubertät, mit noch jungen, ungelenken Beinen gegen die Herren vom Konzerthaus, die im Verhältnis zu ihnen wie Giganten wirken.

„Papa, schießt du kein Tor?“, fragt der Sohn von David Bestehorn (Erste Violine). Er bläst in ein Horn. Am Spielfeldrand jubeln die Spielerfrauen mit den Kindern. Solche Spielerfrauen täten der Bundesliga gut. Davids Frau Karoline (zweite Violine) feuert die Mannschaft an. Professor Ralf Forsters Frau Jana (auch zweite Violine) haut auf eine Sambatrommel für ihren Solo-Klarinettisten. „Papa vor, noch ein Tor.“

Noch immer hat Papa kein Tor geschossen. Es ist die zweite Halbzeit. Jede dauert aus Zeitgründen nur zwölfeinhalb Minuten. „Fuck“, schreit der Schüler vom Gymnasium, als der Ball ins Aus kullert. Es klingt wie ein unwilliges Eingeständnis, dass einem auf dem gefühlten Höhepunkt jugendlicher Kraft gegen eine mehr als doppelt so alte Truppe einfach kein Tor gelingen will. Der Einwurf kommt flach, eigentlich darf man das ja nicht. Über den Kopf geworfen, muss er erfolgen. Aber es ist ja für einen guten Zweck. Die Einnahmen des Turniers, Startgeld von zehn Euro pro Person plus der Verkauf von Würstchen, Cola, Bier und Muffins geht an das Bach-Gymnasium. An den Nachwuchs eben. Viele waren auf dem Bach, als es noch Spezialschule hieß.

Null zu null. Ein erkämpftes Ergebnis, ein unbefriedigendes für beide Seiten. Alexander Casper stößt mit einem der Spezis zusammen. Er hört ein Knacken im Knie. Er liegt am Boden. Und das beim ersten Spiel. Währenddessen die Deutsche Oper mit einem Treffer gegen die Komische Oper gewinnen wird, wartet Alexander entfernt vom Geschehen der Spiele auf den Krankenwagen; im Schatten der Bäume zur Cantianstraße dehnen sich die schmerzhaften Minuten und Sekunden zu einem langen Augenblick. Alex trägt sogar Schuhe von Alex, das ist die Hausmarke von Karstadt. Die Sanitäter kommen ohne Blaulicht. Breite Schultern, Zupack-Helfer. Mit blauen Handschuhen tasten sie das Knie ab. „Meniskus“, sagt der eine. „Gut, dann ist es nicht das Kreuzband“, sagt Alex. Sie nehmen ihn mit.

„Na, meine Große. Pass auf, ich bin ganz nass geschwitzt.“ Ralf Forster hebt seine Tochter auf den Arm. Er kommt aus München und ist seit 1996 am Konzerthaus. Früher lebte er in der Erich-Weinert-Straße. Das war das Erste, was er von Berlin gesehen hat. Ein Freund, auch ein Musiker, hatte dort ein Wohnhaus geerbt mit siebzehn Parteien. In den Mietverträgen hatten sie verpflichtend eingetragen, proben zu müssen. Eine schönes Gefühl ist das, sich vorzustellen, dass ein ganzes Haus im Prenzlauer Berg zusammen musiziert. Ganz oben muss die Triangel wohnen und im Keller der Bass. Und Ralf war irgendwo in der Mitte dazwischen.

Am Spielfeldrand steht Markolf Ehrig. Er spielt schon seit 1989 für das Konzerthaus, drei Monate bevor die Mauer aufging, wurde er verpflichtet. Wir sind mitten im Halbfinale. Es spielen parallel die Philharmonie gegen die Staatskapelle und das Konzerthaus gegen die Deutsche Oper. „Der Dietmar, der da“ und Markolf deutet auf einen im blauen Trikot, „der war vor der Wende beim Konzerthaus und ist vom Auswärtsspiel nicht heimgekommen.“ Die beiden hätten sich womöglich nie wieder gesehen. Es wurden unter den Musikern Wetten abgeschlossen, wer wohl als Nächster den Absprung wagt, wenn sie mal wieder im kapitalistischen Ausland spielen.

Für Markolf war die Entscheidung, Musiker zu werden, eine Entscheidung, reisen zu wollen. Drei Monate nach seinem Engagement, bekam ein ganzes Land die Reisefreiheit. „Für mich gibt es keinen schöneren Ort als das offene Brandenburger Tor“, sagt Markolf, als ein gefährlicher Spannschuss eines Philharmonikers den grauen Kopf des Solo-Violoncellisten Friedemann Ludwig trifft. Von der Mauer bleibt bald nichts mehr übrig. Die Reste, mit bunten Bildern bemalt, werden unter Protest aufgeschnitten. Markolf versteht die Demonstranten. „Bald erinnert gar nichts mehr an diese schlimme Zeit.“

Der Größe des Finales angemessen, ist auch der Intendant des Konzerthauses Professor Dr. Sebastian Nordmann angekommen. Das braune Sakko zieht er gleich aus. Hemd hochkrempeln anfeuern, pfeifen. Philharmoniker gegen Konzerthaus. So wie jedes Jahr eigentlich. Im Spaß sprechen die beiden Mannschaften von einer lang andauernden Fehde. Die Philharmoniker haben die letzten zwei Turniere gewonnen. Würden sie jetzt das Tripple vollmachen, es wäre eine Schande.

Ralf wartet auf seine Einwechslung. Mit den blauen Schuhen an den Füßen, diesem freundlichen Grinsen, den braunen Augen, die das Spiel seiner Kollegen verfolgen, bei einem Professor stellt man sich immer einen alten Mann in einem Tweed-Anzug vor. Natürlich ist das falsch. Daniel Richter ist ja auch Professor. Oder Olafur Eliasson. Trotzdem will dieses eigene Trugbild nicht verschwinden.

Beim Elfmeterschießen, in der regulären Spielzeit fällt wieder kein Tor, ist Ralf als Erster an der Reihe. Er läuft in einem Rechtsbogen kräftig an. Der Pauker der Philharmoniker hat keine Chance. An seinem Kopf vorbeifliegend, hört er nur noch das Zischen von Ralfs kräftigem Schuss. Die Philharmoniker werden den Torwart des Konzerthauses nicht bezwingen. Und David schießt auch ein Tor. Beide Papas feuern ihre Mannschaft zum Sieg. Jubel bricht über das Spielfeld herein, oberkörperfreie Kinder springen, die Sambatrommel bollert, Glöckchen klingen.