Geschichte

„Ich lese nicht zwischen den Zeilen“

Uneindeutig: Eine Ausstellung beschäftigt sich mit der Presse im Dritten Reich

Nichts ist eindeutig, nichts war, wie es schien. Wie in allen anderen Lebensbereichen auch, galt für die Presse im Dritten Reich: Es herrschte das „gespaltene Bewusstsein“. So hat das der Publizist Hans Dieter Schäfer in seinen wegweisenden Essays der Achtzigerjahre genannt. Natürlich konnten auch in dieser Diktatur die Journalisten nicht mehr schreiben, was sie wollten. Schon am 28. Februar 1933 wurde die Pressefreiheit abgeschafft. Vom 4. Oktober 1933 an regelte ein „Schriftleitergesetz“ die Zulassung zu den Presseberufen. Arische Abstammung wurde Bedingung, auch wer jüdisch verheiratet war, durfte nicht mehr arbeiten. Zeitungsleute erhielten in der täglichen Pressekonferenz des Propagandaministeriums Anweisungen, was sie zu bringen hatten. Dazu kamen Schließungen und Verbote. Von den rund 30.000 Zeitungen, die vor 1933 in Deutschland täglich erschienen, gab es 1944 noch 975. Für Hitler war klar: „Die Presse ist ein Erziehungsinstrument, um ein Siebzig-Millionen-Volk in eine einheitliche Weltanschauung zu bringen“.

Und doch. Und doch hat es natürlich Ausnahmen und Abweichungen von der offiziellen Linie gegeben. Eine Ausstellung in der Berliner „Topographie des Terrors“ lotet jetzt die verworrene, ja widersprüchliche Lage aus. Ein schwieriges Unterfangen. Denn nicht nur die Lage der Zeitungen selbst war unterschiedlich. Auch Erinnerung und Einschätzung durch diejenigen, die damals als Journalisten tätig waren, weisen erhebliche Differenzen auf. Letzterem wird die Ausstellung nicht ganz gerecht. Aber die Ungleichbehandlung der einzelnen Medien stellt sie überzeugend dar.

Selbst die überzeugtesten Nazis erkannten nämlich schnell, dass die Nivellierung der deutschen Zeitungslandschaft ihrem Ruf schaden würde. Man hatte ja den Anspruch, ein „Kulturvolk“ zu sein. Irgendwie musste man versuchen, ein Bild der Vielfalt aufrecht zu halten. Die sogenannte bürgerliche Presse, soweit es sie noch gab, wurde darum teilweise vor allzu rigoroser Lenkung verschont. Jedoch auch reduziert. Aber was dann übrig blieb – nämlich bis 1934 das „Berliner Tageblatt“, bis 1943 die „Frankfurter Zeitung“ und sogar bis Kriegsende die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ – konnte sich Abweichungen erlauben. Wie sahen die aus?

Aggressive Sprache

Im politischen Teil natürlich nicht. Da konnte man nur dadurch Distanz zum Regime zum Ausdruck bringen, indem man möglichst selten die aggressive Sprache der Nazi-Verlautbarungen übernahm. Größer waren die Spielräume allein im Feuilleton. Den großen Stellenwert dieses Ressorts für die Nicht-Nazis im Dritten Reich haben die Zeitungshistoriker immer schon hervorgehoben. In der Topographie des Terrors kann man das jetzt anschaulich nachvollziehen. Im Mittelpunkt der Schau steht ein langer Tisch, an dem, wie einst im Kaffeehaus, jede Menge Blätter ausliegen. Ihr Umfang beschränkt sich aber auf vier Seiten. Vorne pfui, hinten hui: offiziöse Berichterstattung über den Kriegsverlauf vorn (Die „DAZ“ meldet am 11. Oktober 1941 den „endgültigen militärischen Zusammenbruch der Sowjetunion“); keinerlei Hetze gegen „entartete Kunst“ hinten.

Aber, und diese Frage stellt die Ausstellung nicht deutlich genug: Kam das an? Wurde das verstanden? Waren die Nicht-Nazis unter den Journalisten im Dritten Reich wirklich, wie die Mitarbeiterin der 1940 gegründeten Edel-Zeitschrift „Das Reich“, Christa Rotzoll, später schrieb, „Verhüllungsjournalisten“, die auf „Enthüllungsleser“ zählen durften? Immer wieder gab es in den vergangenen Jahrzehnten, durch die „Fälle“ Werner Höfer, Fritz Sänger, Friedrich Sieburg ausgelöst, große Diskussionen um das Schreiben in der NS-Zeit. Von diesen Debatten findet sich hier keine Spur. Allerdings kommt im materialreichen Ausstellungskatalog die „DAZ“-Mitarbeiterin Ruth Andreas-Friedrich zu Wort. 1938 notiert sie in ihr Tagebuch: „Die Gewissensakrobaten unter uns sind der Meinung, dass jeder, der Augen habe, es zwischen den Zeilen lesen müsse, wie sehr ihre Feder sich sträube, die befohlenen Lügen niederzuschreiben. Ich kann mir nicht helfen. Ich lese nichts zwischen den Zeilen.“

„Zwischen den Zeilen? Zeitungspresse als NS-Machtinstrument.“ Topographie des Terrors, Niederkirchnerstr. 8, Kreuzberg. Bis 20. Oktober. Katalog: 14 Euro.