Konzert

Der Teufel trägt Kajal

Depeche Mode sind wieder in Berlin – und Dave Gahan bringt die verschwitzten 80er-Jahre ins Olympiastadion

Sechsundsechzigtausend. So eine Riesen-Zahl. Eine mittelgroße Kleinstadt will in der Großstadt ihre Band sehen. Über 400.000 Karten wurden für die Open-Air Konzerte von Depeche Mode in Deutschland verkauft. Im Angesicht der scheinbar unendlichen Größe wird an diesem Sonntagabend selbst ein Olympiastadion winzig.

Der Regisseur Tom Tykwer kommt im grauen Pulli, drunter ein blaues Shirt. Irgendwie klar, dass er Depeche Mode mag. Wer „Das Parfüm“ verfilmt, muss ein großer Romantiker mit einem Hang zum Düsteren sein. Nochmal zur unendlichen Größe: „Cloud Atlas“, Tykwers letzter Film, hatte ein Budget von hundert Millionen Dollar. Und Depeche Mode haben etwa hundert Millionen Platten verkauft. Vielleicht sind die ja in so einem geheimen Hundert-Millionen-Club. Da kommen nur Leute rein, die irgendwas hundertmillionenmal gemacht, verkauft, investiert oder sonstwas haben. Wahrscheinlicher ist aber, dass Tykwer nur ein ganz normaler Fan ist.

Unten klatschen sie die schnellen Viertel der Umbaumusik mit. Bestimmt hundertzwanzig Beats pro Minute. Genau richtig zum Tanzen. Wasserbälle hüpfen über die Hände. Am Ende der Stehfläche des Innenraums stehen sechzig Dixies immer in Zehnerreihen angeordnet. Ihre Dächer sind von Leuchtschnüren geschmückt. Was wohl Martin Gore, der große Songschreiber von Depeche Mode, denkt, als er um kurz vor neun unter einem großen Lärm mit Dave Gahan und Andrew Fletcher auf die Bühne geht und dann ganz hinten fünf Dutzend beleuchtete Toiletten sehen muss?

Es geht einfach so los. Kein Vorhang fällt. „Welcome to my World“ von „Delta Machine“, dem dreizehnten, im Frühjahr erschienen Depeche-Mode-Album. „I’ll hold you in my Arms“, so langgezogen, „I penetrate your Soul“, Gahans Stimme umarmt das ganze Olympia-Stadion.

Im Untergrund der Nacht

Natürlich trägt er eine Lederweste. Und natürlich sieht er wieder wie ein affektierter, blitzgeölter Kajal-Teufel aus. Deswegen liebt Berlin ihn so. Gahan ist für immer im Untergrund der Nacht der verschwitzten 80er-Jahre, der dampfgefüllten Keller mit dem Dirtytalk in West-Berlin und er vermag es, dieses Gefühl mit einem Stadion zu teilen. Drei Platten haben sie in dieser Zeit in Berlin aufgenommen. Sie spielen „Black Celebration“ vom gleichnamigen Album. Es war die letzte der Berlin-Platten. „Black Celebration“, die Arme gehen hoch, aus Abertausenden Mündern tönen diese Worte. Einer, der aussieht wie ein Gitarrist der Scorpions, raucht Zigarette mit Spitze, rückt sich die Sonnenbrille zurecht und tippt den Zeigerfinger an seinen Hut. Unterkiefer vorschieben. Genau die richtige Portion an Coolness.

2011 hielt der Papst eine katholische Messe im Olympia-Stadion. 2013 sind es eben Depeche Mode mit einer schwarzen. Genauso oft wie zur Bühne, blickt der Hutrocker auf die Kehrseite seiner jungen Nachbarin, die wackelnd einen Tanz aufführt. Lasso-Geste, der Jogger, der Autofahrer – sie greift auf ein bewährtes Repertoire der Freistil-Tanzgesten zu. „Yeah, that’s right“, schreit Gahan, der sich gerade dreht und dreht und dreht, der Mikrofonständer ist seine Geliebte. Aber am meisten liebt er wohl sich selbst.

Herbert Grönemeyer kommt bei „Barrel of a Gun“. Die erste halbe Stunde hat er verpasst. Aber wie Gore jetzt ganz alleine singt, auch er in Lederweste, erst „Higher Love“, dann das wunderschöne „When the Body speaks“ am Klavier, die Musik hört auf, Gahan und der Rest kommen zurück, aber der Applaus gehört alleine Gore, wirklich, das war der Moment des Konzerts.

Die Schirme der Besucher reiben aneinander. Die Fans zwei Stunden bei dreiundzwanzig Songs im Regen stehen lassen und sie trotzdem glücklich machen, das können nur wenige.

Depeche Mode sind nicht „Personal Jesus“, sie sind Gottvater für die Fans in Berlin. Sie sind elektronisch, aber nicht so kühl wie reine Elektronik. Die Synthesizer Fletchers mit der Stimme Gahans und Gores Gitarre, das ist der Soundtrack dieser feuchten Nacht, der Sechsundsechzigtausend glücklich macht. Und natürlich singen sie kurz vorm Schluss noch „Just can’t get enough“.