Fernsehen

Der Bremer „Tatort“ wird zur Geisterbahn

Kommissarin im Unglück, ein Kollege wird ermordet

Bremen gehört, wie Bielefeld oder Itzehoe, zu jenen Städten, von denen man gern annimmt, dass sie im Dunkeln besser aussehen als bei Tage. Anhänger dieser Theorie müssten glücklich sein über Florian Baxmeyers Bremer „Tatort“ – weil sich alles im Dunkeln, im Halbdunkeln abspielt und man von Bremen fast nichts zu Gesicht bekommt. Glücklich können alle anderen allerdings auch werden mit „Er wird töten“. Das ist verhältnismäßig zynisch angesichts eines Falles, in dem permanent alles, was auch nur ansatzweise wie Glück aussieht, zu Klump geschlagen wird, sobald es um eine Ecke des Plots lugt. Man kann über diesen „Tatort“ grübeln, so traurig, so dunkel, so großartig ist er.

„Er wird töten“ setzt ein, wo „Puppenspieler“ schloss, jener letzte Bremer „Tatort“, in dem sich Kommissarin Lürsen (Sabine Postel) sterblich in den neuen Kollegen Leo Uljanoff (Antoine Monot) verliebte und Langzeitpartner Stedefreund (Oliver Mommsen) nach Afghanistan ging, besser: floh. Lürsen und Uljanoff sind nun ein Paar. Er wirft ihr ein Bowling-Shirt über, „Alle Neune. Mord“ steht drauf. Sie wollen gegen die Sitte bowlen. Da wird Leo auf der Toilette mit einem relativ gewaltigen Messer in den Rücken gestochen.

Während Leo in der Toilette verblutet, sitzt eine Frau im Dämmer vor Lürsens Schreibtisch. Sie zittert, sie bebt. Ihr Mann, der im Gefängnis saß, weil er ihre gemeinsame Tochter zu Tode geschüttelt haben soll, ist wieder auf freiem Fuß. „ICH TÖTE DICH!“ schrieb eine Hand eben auf einen Spiegel in ihrem Haus. Ein paar Kissen sind ermordet worden. Man hat die Federn durchs Dunkel fliegen sehen. Damit geht sie los, der tiefen Trauer lange Reise durch die Bremer Nacht. Sie alle, die da gehen, haben gewaltiges Gepäck dabei. Eine tote Tochter, einen gefallenen Freund, ein zerstörtes Leben, eine vielleicht letzte Liebe. Sie betäuben ihre Trauer, sie verdrängen sie, sie laufen herum wie ein springbereites Messer oder mit einer aus Granit gehauenen Miene. Immer wieder scheinen ihre Gesichter, Körper aus der Finsternis zu wachsen. Baxmeyer hat schöne Bilder gefunden für diese Geisterbahn der versehrten Seelen. So dicht, so düster ist das Ganze, dass kaum ins Gewicht fällt, wie windschief manches psychologisch in den finsteren Räumen hängt. Man beneidet Leo Uljanoff schon sehr um sein Totsein. Denn uns, den Überlebenden, wächst kein Trost zu. Es wird Tag über Bremen. Da ist der „Tatort“ aus. Zum Glück.

ARD, heute, 20.15 Uhr