Willi Sitte

Der große Maler mit dem roten Pinsel

Willi Sitte stirbt mit 92 Jahren. Als DDR-Kulturfunktionär war er durchaus umstritten

Willi Sitte ist gestorben, mit 92 Jahren. „Leben mit Lust und Liebe“ ist die Ausstellung der Willi-Sitte-Galerie in Merseburg überschrieben, die bereits zu Lebzeiten seinen Nachruhm ins Auge fasste. Ex-Kanzler Schröder eröffnete sie selbst. In und um Halle genoss der Maler stets eine besondere Beachtung. 1921 in Kratzau in der CSR geboren, begann er sein Studium an der Kunstschule in Reichenberg (heute Liberec).

1940 wechselte er dann an die Meisterschule für Malerei in Kronenburg in der Eifel – die, was in den Sitte-Biographien gewöhnlich nicht erwähnt wird, Paul Mathias Padua leitete, ein Protagonist der nationalsozialistischen Kunst. Im Krieg als Soldat in Italien eingesetzt, schloss er sich den italienischen Partisanen an und lebte nach Kriegsende kurze Zeit in Mailand, Vicenza und Venedig, ehe er 1946 nach Kratzau zurückkehrte. Bereit im Jahr darauf zog er nach Halle an der Saale. Dort lehrte er an der berühmten, wenngleich zuvor und danach von den politischen Umständen arg ge-zausten Kunstschule Burg Giebichenstein, seit 1959 als Professor. Zwar gab es zuvor politische Auseinandersetzungen um seine Malerei, die sich anfangs zu stark an dem damals in der DDR als „Formalist“ verdammten Picasso hielt. Doch das war nicht von Dauer, so dass seinem Aufstieg bald nichts im Wege stand. Bekannt wurde Sitte mit Arbeitermotiven der DDR wie Brigadiers, Berg- und Fabrikarbeitern sowie den Chemiewerkern aus Leuna. Die Funktionäre irritierte Sitte zuweilen mit seinen barocken, erotischen Akten.

Als Mitglied der SED – und später auch des Zentralkomitees der Partei –, als Abgeordneter der Volkskammer und vor allem als Präsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR hatte er entscheidenden Einfluss auf die Kulturpolitik. Die „ungehorsamen Künstler der DDR“, verbliebene wie ausgebürgerte wie A.R. Penck, erlebten ihn als scheinbar verbindlichen, doch konsequenten Exekutor der Parteiinteressen.

In der Bundesrepublik wurde er meist erst mit der 6. Documenta von 1977 sichtbar. Denn mit den Malern Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer und Bernhard Heisig sowie den Bildhauern Fritz Cremer und Jo Jastram bildeten die „DDR-Künstler“ gleichsam eine Nationalausstellung innerhalb eines Konzeptes, das dem individuellen Künstler huldigte. Damit wurde die unlösbare Verquickung von Kunst und Politik, wie sie für die Kunst der DDR kennzeichnend war, offensichtlich. Und Peter Ludwig, der einen Teil der Documenta-Bilder für seine Sammlung erwarb, verkörperte jenen Opportunismus, der den Markt für diese Malerei in der Bundesrepublik in wesentlichen Teilen bestimmte.

Da war einerseits Widerständigkeit gegen die angeblich von Amerika infiltrierte „Westkunst“ im Spiel. Und ja, die Vorliebe für einen politisch akzentuierten Realismus. Die Nachwehen sind noch in mancher Privatsammlung, die wie die Sammlung Plattner in Potsdam, musealisiert werden soll, zu spüren. Dabei wurde oft übersehen, dass diese Künstler in westlichen Galerien präsent waren. Nur fanden sie, weil künstlerisch unerheblich, wenig Beachtung. Das gilt besonders für Willi Sitte, der einerseits politische Märchenbilder malte, die als Realität vorstellten, was in der DDR irreal war. Und der andererseits in Aktdarstellungen schwelgte, die „Lust und Liebe“ mit malerischem Brutalismus verwechselten – der wohl als proletarisch natürlich verstanden werden sollte.

Deshalb sind Arbeiten von Sitte kaum noch in Ausstellungen, fast nie bei Auktionen und allenfalls im speziellen auf „Ostkunst“ konzentrierten Kunsthandel zu finden. Trotzdem müssen Sittes Anhänger nicht um seinen Nachruhm fürchten. Als Fußnote wird er im Kapitel „Kunst und Politik“ gegenwärtig bleiben.