Die Sache mit dem Staatsanwalt

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Der Mann mit dem klingenden Namen und dem wilden Talibanbart hat wirklich Nerven, findet Emma. Julius von Bismarck studierte bei Olafur Eliasson am Institut für Raumexperimente der UdK, und von ihm weiß man, dass er ein künstlerischer Zaubermeister vor dem Herrn ist. Sein Meisterschüler, entfernt mit dem Reichskanzler verwandt, hält es auch mit dem Experiment. Allerdings auf dem schmalen Grat von Leben und Kunst. Er nennt es eher die „Konfrontation von Natur und Kultur“. Wie auch immer.

Also hängt in der Galerie Alexander Levy ein Unfallfoto, aufgenommen früh morgens und nachts. Ein armer, ramponierter Golf zusammen geknautscht an einem dünnen Baum. Die Thüringer Allgemeine berichtete von dem Aufprall in der Gemeinde Niederdorla, vermutlich, weil der Knall exakt am geografischen Mittelpunkt, eben an besagter und markierter Kaiserlinde, im Herzen Deutschland, passierte.

Merkwürdiger Zufall, das dachten wohl einige. Seltsam war auch, dass der Stamm den Aufprall ohne Schaden überstanden hatte. Für die Polizei sah das anfangs nach Fahrerflucht aus, ein Fährtenhund wurde eingesetzt. Dann fand man Hinweise im Autowrack zu einer Verbindung nach Berlin, wo Bismarck lebt. Der hatte mittlerweile ein „Bekennerschreiben“ aufgesetzt, offenbarte sein ausgefallenes Kunstprojekt. Den Golf nämlich hatte er in der Hauptstadt zu Schrott gefahren, genau den Aufprallwinkel rekonstruiert, ganz schön knifflig. Das manipulierte Fahrzeug später bei Nacht und Nebel mit dem Abschleppwagen an den Baum verbracht. Bemerkt hat das jedenfalls keiner.

Für den Staatsanwalt ist die Sache von Niederdorla klar: Es liegt keine Straftat vor, weil es keine Fahrerflucht gegeben hat. So viel Glück hatte Bismarck in New York nicht. Als der 29-jährige Künstler mit dem ausgefallenen Prinz Eisenherz-Schopf im vergangenen Jahr dort bei seiner Performance der Freiheitsstatue mit der Peitsche zu nahe kam, gab’s Polizei-Arrest. Da war er im Fall Niederdorla offenbar cleverer und hatte das rechtliche Nachspiel des „Unfalls“ juristisch checken lassen. Fakt ist, seine Dokumentation zum „Unfall am Mittelpunkt Deutschlands“ kann man heute für 4900 bzw. 4000 Euro kaufen. (Alexander Levy, Rudi-Dutschke-Str. 26, Kreuzberg. Tel. 25292221. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 15. Juni)

Fotografisch auf ganz anderen Breitengraden liegt Osvaldo Budet, der im Eigen + Art Lab in der Jüdischen Mädchenschule seine eigenwilligen Arbeiten präsentiert. Als erster Künstler durfte er mit dem Forscherteam des Alfred-Wegner-Instituts an den Nordpol aufbrechen, um dort zu recherchieren.

Zuerst musste er ein Trainingscamp absolvieren, Schießübungen, könnte ja ein Eisbär auftauchen, da oben im ewigen Eis. Irgendwann war es Budet, der aus Puerto Rico kommt, wohl sehr kalt dort. Er mischte einige Cocktails aus seiner Heimat. Da wurde es allen wärmer. Trotzdem stellte er schnell fest, wie zerstört die Erde auch an diesem Punkt war, nicht nur durch die Erderwärmung, sondern durch menschlichen Zugriff. Und was da auf seinen blauweißen Fotografien nach idealer Landschaft aussieht, entpuppt sich als Manipulation. Budet hat im Schnee fototechnisch jene Dinge eliminiert, die die Natur zerstört haben.

Gleich daneben hat er feine Zeichnungen auf Fotopapier drapiert, die genau das zeigen, was er ausgelassen hat. Am interessantesten jedoch sind die Motive, die er mit Laser auf Stahlplatten eingebrannt hat. Die Häuser der Forscherstation, die Boote, die Crew, Transportbänder. Alles, was das Leben in der Kälte bestimmt. Diese Platten sind auf Holz aufgezogen. Jenes Holz, wie es heute noch für den Schiffsbau in der Arktis benutzt wird. In der Reihung sieht das aus wie vergrößerte, historische Postkarten. Eingefrorene Zeit. (Eigen + Art, Auguststr. 26, Mitte. Tel. 2806605. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 6. Juli)

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien