Abschied

Angezogen kannten wir sie gar nicht

Die badende Venus Esther Williams starb im Alter von 91 Jahren

Sie war die einzige Filmschauspielerin in Hollywood, die ein eigenes Studiogebäude hatte: Bühne 30 auf dem MGM-Gelände, heute noch von Sony genutzt, gefüllt von einem riesigen Wassertank. Dort wurden Pirouetten, Sprünge, Saltos und Spiralen gefilmt, die Esther Williams im nassen Element vollführte. Die einzige Frau Amerikas, die in den Vierziger- und Fünfzigerjahren öffentlich mehr aus- als angezogen war, ist am Donnerstag im Alter von 91 Jahren in Los Angeles auf dem Trockenen gestorben, im Schlaf.

In Zeiten, in denen Hollywood an sich wiederholenden Comic-Blockbustern kreativ erstickt, mutet es seltsam an, dass ausgerechnet in der rigiden Ära des Studiosystems mit ihren Sklavenhalter-Verträgen auch Außenseiter und Quereinsteiger zu Ruhm, Geld und Ehre kommen konnten, ja als verblasste Ikonen selbst noch im digitalen Zeitalter sanft aufschimmern.

Immer wieder schlachtete Hollywood auch den Ruhm von Sportlern aus: Der olympische Schwimmsieger Johnny Weissmüller wurde als Tarzan in den Kunstdschungel im Studiogelände geschickt. Und neben seinen notorisch über die Besetzungscouch wandernden Blondinen ließ Fox-Chef Darryl F. Zanuck die norwegische Eislaufolympiasiegerin Sonia Henie auf Spezialbahnen von einer eigens konstruierten Kamera verfolgen. Mit ihren elf Filmen wurde die schauspielerisch völlig unbegabte Kufenkaiserin zwischen 1936 und 1948 einer der höchstbezahlten Kinosterne.

Gegen sie schickte wiederum Papa Mayer bei MGM ab 1942 die damals 21-jährige Esther Williams ins Rennen. Die hatte zwar als Sportschwimmerin diverse regionale und nationale Rekorde gebrochen, der Krieg verhagelte ihr aber 1940 eine Olympiateilnahme in Tokio. So sah sie ihre Zukunft zunächst in sogenannten Aquacades, einer feuchten Unterhaltungsweiterentwicklung im damals zirkusverrückten Amerika. Dort entdeckten sie MGM-Scouts, der Rest ist nasse, nicht feuchte Hollywood-Geschichte. Die Williams, die hübsch war, aber selbst im Badeanzug nicht zu verführerischen Sex ausstrahlte und immerhin ein wenig spieltalentiert schien, wurde durch immer stärker auf sie zugeschnittene Film zum sehr speziellen Star.

Sie schwamm, pflügte und rauschte als „Badende Venus“, „Neptuns Tochter“, „Goldene Nixe“, „Wasserprinzessin“ und „Jupiters Liebling“ durch die Studiotankwellen, kraulte synchron, rutschte lange Loopings, sprang durch Feuerreifen und von sehr hohen Türmen und stand auch auf Wasserskien. Alles ohne Double.

Für die Badenixe wurden Wasserballette und ganze Wassermusicals kreiert. 15 Jahre ging das gut, sie stand mit Frank Sinatra, Gene Kelly, Van Johnson und ihrem späteren dritten Mann Fernando Lamas vor der Kamera. Da sie sich in dramatischen Rollen nicht etablieren konnte und das Publikum irgendwann genug von den sanft surrealen Spritzspäßen mit ihr in immer neuen, eigens designten Badeanzügen (Bikinis waren nicht erlaubt, da Hollywood den Bauchnabel negierte) hatte, zog ihr MGM 1956 die Badekappe aus.

Doch Esther Williams, die eine erfolgreiche Unternehmerin für Bademoden und Swimmingpools wurde und 1999 ihre Autobiographie „Million Dollar Mermaid“ herausbrachte, blieb ein ewiges US-Idol. Trotz oder wegen ihrer einzigartig glamourschwimmerischen Beschränktheit.