Klassik-Kritik

Grigory Sokolov ist streng gegen sich und das Publikum

Der wohl beste Live-Pianist spielt in der Philharmonie

Ein langer Abend in der Berliner Philharmonie. Das Publikum lässt einfach nicht locker. Erklatscht sich Zugabe um Zugabe. Lauscht erschöpft und glücklich französischen Barockperlen. Grigory Sokolov, der wahrscheinlich beste Live-Pianist unserer Tage, zeigt sich spendabel. Er genießt den Jubel. Und trotzdem: Undurchdringlicher Dauerernst lastet auf seinem Gesicht.

Doch halt. Huscht da nicht doch ein kleines Lächeln über sein Gesicht, nachdem er sich mit Brahms‘ poetisch verhangenem Intermezzo op. 117 Nr. 2 endgültig verabschiedet hat? Nein, unmöglich. Nicht bei Grigory Sokolov. Mit unerbittlicher Strenge gegen sich selbst und seine Zuhörer widmet sich der Pianist seinem Repertoire. Er kriecht förmlich in die Partituren, geht in ihnen auf. Erzeugt von innen heraus magische Klänge und höchste Emotionen. Nach getaner Arbeit hält er den Zuhörern seine verschlossene Miene entgegen. Bewundernswert, diese konsequente Nicht-Zurschaustellung seiner Person. Kaum zu glauben auch, dass Grigory Sokolov in den letzten Jahren trotzdem so berühmt und erfolgreich geworden ist.

Die Philharmonie ist an diesem Abend brechend gefüllt. Die Podiumsplätze müssen um zusätzliche Stuhlreihen aufgestockt werden. In der Pause trauern einige Puristen den Zeiten hinterher, in denen der Pianist noch ein Geheimtipp war und Muxmäuschenstille im Saal herrschte. Denn heftiges Husten und Räuspern begleiten nun Grigory Sokolovs hohe Kunst. Der Meister selbst erträgt es erstaunlich ungerührt. Ein empfindlicher Pianist wie Krystian Zimerman hätte da schon längst böse Blicke geschleudert oder sogar seinen Vortrag abgebrochen.

Zur Entschuldigung der Unruhestifter muss allerdings gesagt werden: Sokolov mutet seinem Publikum auch ziemlich viel zu. Er überfordert es regelrecht. Schnürt ihm die Kehle zu durch sein intensives, sog-artiges Schubert-Spiel in der ersten Konzerthälfte. Es ist ein gefährdeter, manisch-depressiver Schubert, ein Schubert am Abgrund, den Sokolov aus den Tasten holt. Zärtlichster Liebreiz schlägt urplötzlich in brutale Tragik um, lässige Verträumtheit in wühlende Nervosität. Ungeheuerlich die dynamischen Schwankungen, die sich Sokolov erlaubt. Ungeheuerlich auch die wankelmütigen Tempi. Doch Sokolovs Überzeugungskraft triumphiert. Dramatischer lassen sich die vier Impromptus op. 90 wohl kaum interpretieren. Aus den anschließenden drei Klavierstücken D 946 schreien Verzweiflung und Todessehnsucht. Sokolov scheint hier bereits den unbequemen, rigorosen Spätstil Beethovens der zweiten Konzerthälfte vorwegzunehmen.

Was dort dann geschieht, lässt sich kaum mit Worten beschreiben. Beethovens kolossale Hammerklavier-Sonate op. 106, sein längstes, verrücktestes und insgesamt unzugänglichstes Klavierwerk – es stürmt und stürzt wie eine Naturgewalt auf die Zuhörer ein. Sokolov thront wie ein Fels in der Brandung. Trotz seiner 63 Jahre strahlt er vor virtuosem Vermögen. Die unmenschliche Tour de Force sieht man ihm hinterher nicht an. Eine Sensation, dass er noch ein halbes Dutzend hellwach leuchtende Zugaben folgen lässt.