Roman

Außer Betrieb

Eugen Ruge scheitert an einer kleinen Geschichte des Scheiterns

Eugen Ruge hat vor zwei Jahren ein imponierendes Spät-Debüt als Romancier hingelegt. Sein Familienepos „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ erzählt über vier Generationen die Entwicklung des Kommunismus in Deutschland: relevantes Thema, angenehm unprätentiöser Realismus, aber doch nicht ohne formale Raffinesse in der Art, wie die Lebensgeschichten miteinander korrespondieren, einander widersprechen. Dafür gab es 2011 zu Recht den Deutschen Buchpreis und Bestsellerfreuden für den Autor.

Es stellte sich allerdings die Frage, was der Endfünfziger zuvor gemacht hatte. Hörspiele, Regiearbeit, Übersetzungen (Tschechow); und Schreibkrisen. Von einer erfahren wir jetzt Näheres, in einer autobiografischen Reiseerzählung, die der Verlag auf 200 Seiten gestreckt hat. „Cabo de Gata“ spielt Anfang der 90er Jahre. Die finanzielle Lage des Erzählers ist „prekär“, umso misstrauischer sieht er – oder sah er damals – die beginnenden Veränderungen in Prenzlauer Berg, hier verkörpert von einem Typen im dunklen Anzug, teure Sonnenbrille im Haar (“so, wie ich mir einen Zuhälter vorstellte“), der aus seinem schwarzen BMW steigt und im Straßencafé lauthals über „Marktanteile“ und „Expansion“ schwadroniert.

Da ist für den Erzähler klar: Er muss weg. Er löst seinen Haushalt auf, kündigt alles, was sich kündigen lässt, und besucht noch einmal seinen Vater, den marxistischen Historiker, der auch nach 1989 unverdrossen seine Fachbeiträge über Revolutionen publiziert und mit dem Westen hadert, der ihm die stattliche Rente zahlt.

Zunächst geht es nach Barcelona, wo der Erzähler unangenehme Eindrücke sammelt. Als „Nationalgericht“ setzt man ihm „versalzenen Fisch in dunkler Mehlschwitze“ vor, die Hure mit den „langen, schönen Beinen“ entpuppt sich auf den zweiten Blick als Siebzigjährige, und die berühmte Kathedrale sieht aus wie eine „monströse Kleckerburg“. Also nichts wie weiter, an die Küste, nach Cabo de Gata.

Cabo de Gata ist ein Ort, in dem sich die Rätsel des Daseins geballt präsentieren. Warum steht da ein verlassener Koffer in der Steppe? Was hat es mit dem Sarg auf sich, der vom Meer angeschwemmt wird? Wieso liegen eines Tages Tomaten am Strand? Und was hat der laszive Kürbishintern mitzuteilen, der alle paar Seiten von Neuem erwähnt werden muss? Die menschlichen Begegnungen bleiben minimalistisch.

Man liest das nicht ungern, als Etüde der kleinen Vergeblichkeiten, die auf die große abzielen. Ein Mann am Nullpunkt seiner Existenz. Aber nach zwei Dritteln bekommt die Lektüre einen schalen Beigeschmack. Nichts verzweigt oder vertieft sich. Mag eine Erzählung auch auf autobiografische Wahrheit zielen, sie bedarf doch einer gewissen dramaturgischen Zurichtung und Aufgipfelung. Und so fällt es dem Erzähler schließlich wie Schuppen von den Augen: Cabo de Gata heißt „Kap der Katze“. Also muss eine Katzengeschichte her, eine Katzenliebe, eine kleine Katzenbesessenheit.

Eugen Ruge: Cabo de Gata. Rowohlt, Reinbek. 208 S., 19,95 €