Biografie

Der Vater, seine Tochter und der Krebs

Die Berliner Journalistin Mely Kiyak hat ein ergreifendes Buch über die schwere Erkrankung ihres Vaters geschrieben

Herr Kiyak stirbt. Er hatte sich gerade scheiden lassen, eine Ehe, die seine Eltern ihm bei einem Besuch in seiner alten Heimat aufgedrängt haben. Er hatte gerade angefangen, sich mit dem Leben in diesem Land anzufreunden, in dem er seit Jahrzehnten nicht viel anderes gemacht hatte als als Kuperdrähte zu lackieren und sie auf Spulen zu drehen. Er hat gearbeitet, damit seine Kinder anders leben können. „Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an“, so nennt Mely Kiyak, seine Tochter, ihr Buch.

Am Anfang steht die Diagnose

Aber dieser vermeintlich schöne Teil des Lebens fängt mit einer Diagnose an. Lungenkrebs. Zu schwach für eine Operation. Chemotherapie. Herr Kiyak gibt auf. Er weint. Er will nicht hoffen. Er will nicht therapiert werden. Seine Tochter steht hilflos dabei. „Mein Vater stirbt, und ich weiß nicht, wie das geht“, schreibt Kiyak. Dann backt sie Käsekuchen, damit er vor dem anderen kranken Mann in seinem Zimmer mit seiner Tochter angeben kann. Sie mobilisiert die Ärzte. Und sie holt seine Freundin aus der Türkei nach Berlin.

Mely Kiyak ist Journalistin, aber arbeiten scheint ihr gerade unmöglich. Die Geschichten anderer Menschen interessieren uns im Moment des größten Schmerzes nicht. Also widmet sie sich der einzigen Geschichte, die sie beschäftigt. Der ihres Vaters.

Herr Kiyak stirbt und hat vergessen, dass er lebt. Seine Tochter erinnert ihn daran und uns auch. Wie – das erzählt sie uns in diesem wundervollen Buch. „Das Leben ist sehr schön“, sagt sie zu ihrem Vater im Krankenhaus. „Für ein schönes Leben kann man doch ruhig etwas kämpfen. - Ich war nicht einen Tag in meinem Leben glücklich. - Das stimmt doch nicht. - Nicht eine Sekunde war ich glücklich. - Doch. Du hast es nur vergessen.“

Und dann erzählt Herr Kiyak seiner Tochter von seinem Leben in der Türkei. Von der Liebe seiner Mutter, von seinem Bruder, dem schrecklichen Ismo, mit dem man den anderen Kindern Angst einjagen konnte, von seiner Geographielehrerin, in die er sich mit 14 verliebte. Herrn Kiyaks Leben begann in Ostanatolien, zwischen Iran und Irak. In einem Land, in dem man gar nicht Türkisch, sondern Kurdisch spricht und in dem man Blutsfehden damit beenden kann, dass man eine tote Maus, die einem die Mutter des ersten Getöteten serviert, klaglos mit ein bisschen Bulgur verspeist.

Speisepläne zum Davonlaufen

„Mein Vater und ich, das sind zwei Länder“, schreibt Mely Kiyak am Anfang ihrer Geschichte. „Das ist er dort, und ich hier.“ Das deutsche Krankenhaus, auch das erfährt man durch Kiyaks Buch, ist schlecht darauf vorbereitet, dass Menschen, die eine andere Kultur leben, in ihnen krank sind. Der Speiseplan orientiert sich eher am Geschmack des deutschen Rentners, mit Besuchen türkischer Großfamilien sind die Ärzte überfordert. Schon allein, dass jemand öfter am Tag mit Essen vorbeikam, störte im Klinikablauf. Kiyak stellt sich vor, das sei bei anderen Kranken und ihren Angehörigen anders. Die könnten sagen: „Kopf hoch, Papa, bald bist Du wieder zu Hause, und meinen damit alle das gleiche Zuhause. Nur unsereins muss sagen: Kopf hoch, Papa, bald bist du wieder in deinem Land.“

Dieses Land ihres Vaters, in dem die die Menschen nicht mit ihrem Namen angesprochen werden, sondern mit der Beziehung, die man zu ihnen hat: Tochter, Nichte, Bruder. Dieses Land bringt uns Kiyak näher, indem sie die Geschichte aus dem Krankenhaus, zwischen nüchternen Ärzten, fließendem Eiter und Herz-Lungen-Maschinen, mit den Geschichten aus Herrn Kiyaks Jugend verwebt. Das Leben mit dem Sterben.

Dies ist der Refrain zu ihrer Geschichte, die nicht nur die ihres Vaters ist, sondern auch ihre eigene. Denn diese Tochter ist so liebevoll, etwas von ihr stirbt mit. „Ich verliere. Ich bin verloren“, schreibt sie. Der Alltag ist von einer ewigen Melodie begleitet. „Man stirbt. Man steht morgens auf, macht seine Arbeit und stirbt. Man träumt und stirbt. Man gießt Blumen, geht einkaufen, schüttelt Decken aus und stirbt.“

Bücher über Krankheiten haben Konjunktur. Gerade erst hat David Wagner mit seiner Krankheitsgeschichte „Leben“ den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Die Literatur hat sich des demographischen Wandels angenommen. Auch Geschichte über kranke, sterbende Eltern hat man schon viele gelesen. Aber keine so wie diese.

Mely Kiyak gelingt es, sich nicht über den Vater zu erheben, obwohl sie sich in diesem Land viel besser auskennt. Obwohl sie die Kraft hat, die ihm entschwindet, hört sie in keinem Moment auf, die Tochter zu sein. Sie lässt ihrem Vater das Väterliche. Sie lässt ihm die Würde und entmündigt ihn nicht durch voyeuristische Schilderungen seines Leidens. Sie zeigt, dass es auch anders geht, als es von Kindern in diesem Genre oft praktiziert wird.

Herr Kiyak lebt, auch wenn er stirbt. Die Diagnose ist drei Jahre her. Er hat das Krankenhaus verlassen. Auf einer Lesung der Tochter saß er im Publikum und hörte zu, wie sie die gemeinsame Geschichte vorlas. Das muss ein Teil des schönen Teils des Lebens von ihm sein. Ein Glück, an dem beide den Leser teilhaben lassen. Durch ihr Buch.

Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an. Verlag S. Fischer, 256 Seiten, 18,99 Euro.