Fernsehen

„Downtown Abbey“ bekommt Konkurrenz: „Parade’s End“

Der Zerfallsprozess des Feudaladels hat einige interessante Erscheinungen hervorgebracht; aber keine war geschichtsmächtiger und sympathischer als der Gentleman.

Urban, ja bürgerlich im Habitus, ist der Gentleman konservativ, aber jedem Spießertum abhold, konventionell aus einer unkonventionellen Leidenschaft für die Ordnung; von einem Ehrenkodex geleitet, dessen Ethos die Ritterlichkeit ist. Der Untergang des Gentlemans war das Thema des Schriftstellers Ford Madox Ford. Vier seiner Romane, die zusammen die Quadrologie „Parade’s End“ um den Gentleman Christopher Tietjens bilden, hat der Dramatiker Tom Stoppard zu einer sechsteiligen Miniserie verarbeitet. Das von Susanna White verfilmte Ergebnis ist vom 7. Juni an auf Arte zu sehen. Man kann die Zeit besser nutzen; zum Beispiel, um ein paar versäumte Episoden von „Downton Abbey“ nachzuholen.

Das liegt nicht an der Qualität der Romane. Sie sind wunderbar. Aber sie sind unverfilmbar. Alles ist dort Innenleben, gerade weil Tietjens die Form wahrt, zu der gehört, nicht von sich zu reden. Ihm wird übel mitgespielt: seine Frau Sylvia betrügt ihn; er ist nicht der Vater ihres Kindes; seine Liebe zur jungen Frauenrechtlerin Valentine darf er ihr nicht bekennen; bei seiner Arbeit im Amt für Statistik gerät er in Schwierigkeiten, weil er sich weigert, für die Regierung mit Zahlen zu lügen; sein bester Freund nutzt ihn aus; sein älterer Bruder und sein Vater beargwöhnen ihn; gerade weil er unschuldig ist, wird er gekreuzigt. Aber wie der Mann aus Nazareth sagt er dabei kein einziges Wort.

Erst in der dritten Episode bricht es im Gespräch mit Valentine aus ihm heraus: Er sei für den Anstand und die Pflicht, sagt er, für das Land und gegen die Stadt, für das 18. und gegen das 20. Jahrhundert. Das hätte er aber auch im 18. Jahrhundert genau so gesagt und wäre eben für das 16. gewesen, sagt sie. „Allerdings“, erwidert Tietjens. „Und ich hätte Recht gehabt!“ Das Gespräch am Kamin ist der Höhepunkt der Miniserie, leider aber auch der einzige.

Am Ende bleibt alles daher an Oberflächen hängen: Wir sehen Kostüme, aber keine Charaktere, Intérieurs, aber keine Innenansichten, Landschaften, aber keine Landkarte des Zeitgeists. „Parade’s End“ ist nun einmal nicht „Downton Abbey“. Bei der Romanverfilmung rebelliert die Message gegen das Medium, in das sie hineingezwängt wird.

Es hilft auch nicht, dass Benedict Cumberbatch als Tietjens eine Fehlbesetzung ist. Cumberbatch gab einen hinreißend nerdigen Sherlock Holmes in der im heutigen London angesiedelten BBC-Serie. Als Tietjens versucht er das, was er laut Drehbuch nicht sagen darf, durch Grimassen, zitternde Unterlippe einbegriffen, auszudrücken. Das Ergebnis ist peinlich. Rebecca Hall ist zwar großartig als Sylvia, die von katholischer Sinnenfreude in katholische Prüderie verfällt, und Adelaide Clemens als Valentine von hinreißender Unschuld, aber ein grimassierender Stockfisch zwischen zwei Frauen, die ihn beide zugrunde richten werden, ist nicht abendfüllend, schon gar nicht über sechs Abende.

Hinzu kommt die Synchronisierung. Warum müssen deutsche Synchronsprecher, wenn sie Geschichten aus der englischen Oberschicht verdeutschen, in einen Ton verfallen, als gehörten sie einer Provinztruppe an, die „Charleys Tante“ einstudiert?

Parade’s End. Miniserie in sechs Teilen. Freitags ab 7. Juni, 20.15 Uhr, arte