Kunst

Rätselraten um all die fremden Namen

Kunstshows auf der ganzen Lagune: Ein Spaziergang durch Venedigs Biennale

Die Biennale von Venedig hat man ja vor allem als großes Sommertheater in Erinnerung, bei dem sich Regisseure und Mitspieler längst an die Bedürfnisse eines Publikums gewöhnt haben, das für den horrenden Genusszoll, den man in dieser Stadt zu entrichten hat, wenigstens gehörige Unterhaltung erwartet. Und nun haben die angereisten Sammler wieder einmal ihre Millionen-Yachten am Pier unweit der Giardini vertäut, sich die guten Berluti-Schuhe an Land tragen lassen und streben geradewegs in den „Palazzo Enciclopedico“, in die Thema vorgebende Hauptausstellung, in der vor nicht wenigen Arbeiten selbst der erfahrene Scout nicht sagen könnte, was sie auf dem Weltmarkt wert und ob sie überhaupt für Geld zu haben sind.

Es ist wie vorsätzlicher Verrat an der kunstbetrieblichen Regel. Und wer all die fremden Namen buchstabiert hat und auf die Länder-Pavillons hofft, wo doch sonst immer verlässliche Spiellaune herrschte, der kommt auch dort nicht auf seine Kosten und sagt schnell „Langeweile“ und geht zurück aufs Schiff.

Dabei könnte man in den über die ganze Lagune verstreuten Ausstellungen Tage, Wochen verbringen und hätte doch nicht alles gesehen, geschweige verstanden. Es grenzt fast an ein Wunder, wie es dem jungen Biennale-Direktor Massimiliano Gioni gelingen konnte, seinen „enzyklopädischen Palast“ als eine Art Zentralbau aufzurichten und einzurichten, von dem aus heimliche Direktiven bis an die Grenzen des grenzenlosen Kunstareals auszustrahlen scheinen. Seine Ausstellung ist ein unerwartetes Meisterstück an kuratorischer Fantasie und Präzision geworden.

Da begegnet man den imposanten Torsi aus dem viel zu wenig bekannten Werk des Bildhauers Hans Josephson, und dort steht man vor anonymer tantrischer Malerei. Hier liest der Franzose Roger Caillois, der einmal zum Inner Circle der Surrealisten gehört hatte, aus Steinschnitten seine „diagonale Wissenschaft“ ab, und dort lässt Friedrich Schröder-Sonnenstern die Schlangen und die Regenbogen miteinander ringen und kriegt es hin, dass niemand gewinnt und niemand verliert. Und oben sind noch einmal all die albernen Tonfiguren aus der legendären Werkstatt Fischli und Weiss versammelt, und ihr Titel „Plötzlich diese Übersicht“ klingt wie wunderbarster Hohn. Es ist die schiere Überwältigung und eine Einladung zur Auseinandersetzung in einem.

Im englischen Pavillon das ebenso witzige wie verwirrende Spiel mit britischen Mythen und britischen Codes, das Jeremy Deller von Raum zu Raum mit wechselnden Spielregeln aufführt. Holland überlässt dem Bildhauer und Installationskünstler Mark Manders die Bühne, und die Stimmung ist alles andere als ausgelassen, wenn er seine Kopffragmente in ungefüge Holzverschalungen quetscht und die skulpturalen Elemente so arrangiert, dass die Energieströme zwischen ihnen immer wieder abrupt abreißen.

Im japanischen Haus trifft man Künstler als Sozialarbeiter an der Seite der Opfer der Fukushima-Katastrophe. Und nebenan im russischen Pavillon hat der Konzeptkünstler Vadim Zakharov dem griechischen Danaë-Mythos eine ganz und gar zeitgemäße Version abgewonnen. Aus der armen Tochter des Akrisios, über die der ewig lüsterne Zeus sein olympisches Sperma als Goldregen ausgeschüttet haben soll, ist ein Feldversuch mit dem großen, keinerlei Werte mehr schöpfenden Finanzkreislauf geworden. Es gibt keine Langeweile.