Klassik-Kritik

Bruckner braucht mehr als Breitband-Pathos

Sir Simon Rattle scheitert an der siebten Sinfonie

Eigentlich versprach das Philharmoniker-Programm ja einen interessanten Abend. Pierre Boulez und Anton Bruckner, atheistische Alt-Avantgarde trifft auf katholische Bekenntnismusik der Spätromantik. Und wirklich: Es wird spannend. Nicht wegen der haarsträubenden Unterschiede zwischen den Komponisten. Sondern wegen Sir Simon Rattles Scheitern. Sein Vorhaben scheint es gewesen zu sein, Boulez gleich in beiden Konzerthälften zu huldigen. Als Komponisten und Dirigenten.

Die Bruckner-Interpretationen des Franzosen sind bekannt für ihre kühle Strenge, den unbestechlichen Blick auf Details, den Triumph des puren Intellekts. Rattle knüpft an dieses Ideal an, eifert ihm nach. Doch es bleibt beim Nacheifern. Denn auch wenn es einige Stellen gibt, bei denen er an Scharfsinnigkeit und Esprit seinem französischen Kollegen in nichts nachsteht – streckenweise klingt Bruckners 7. Sinfonie leider ziemlich trockengelegt und schulmeisterlich. An ausgesuchten Stellen dreht Rattle schwelgerisches Pathos und Breitband-Klangschönheit auf. Ein überzeugendes Gesamtkonzept ist aber nicht erkennbar. Dieser Bruckner verblasst schnell, zumal das furiose Finale wie eine Etüde rattert. Wenn sich danach selbst der eingefleischte Bruckner-Enthusiast angst und bange fragen muss, ob dieser letzte Satz vielleicht schlecht komponiert ist, dann setzt das kein gutes Zeugnis. Selten war eine Bruckner-Sinfonie so nicht-ergreifend.

Erstaunlich dagegen, wie Boulez‘ „Notations“ Bruckners Siebten im Nachhinein regelrecht den Rang abläuft. An Farbigkeit, an Frische, an Experimentierfreude. Und sogar an Publikumsapplaus. Vor vier Jahren hatten die Philharmoniker das Werk mit dem Komponisten persönlich einstudiert. Man kann darauf wetten, dass Rattle bei seiner eigenen Arbeit auf die damaligen Probennotizen zurückgreifen konnte. Der Dirigent sieht sich umringt von einem Riesenorchester, inklusive zehn Kontrabässen, drei Harfen und mindestens zwölf Metern aneinandergereihtem Schlagwerk. Klares Überformat haben auch die Partituren, die Rattle für jeden Satz mitgebracht hat. Doch überladen oder klobig wirken die Stücke an keiner Stelle. Boulez instrumentiert nach allen Regeln der Kunst. Er klügelt, schraubt und tüftelt, forscht nach effektiven Klangverbindungen wie ein Wirtschaftsmathematiker. Als Vorlage dienen ihm Klavierstücke aus seiner Frühzeit. Verstaubte Kompositionen, von denen Boulez selbst nie ganz überzeugt gewesen war. Gekleidet in Orchestergewänder, gewinnen sie an Reiz. Zwar bleibt die universelle Nüchternheit, aber sie lädt nun eher ein als dass sie abweist.

Simon Rattle hat recht, wenn er seine ganze Leidenschaft in Boulez‘ „Notations“ steckt. Der Zyklus hätte das Zeug zum Hauptwerk des französischen Altmeisters (88). Der Haken allerdings: Noch sind nicht alle zwölf Klavierstücke orchestriert. Bislang können nur Teile des Werks aufgeführt werden, seit Jahrzehnten wartet die Musikwelt sehnsüchtig auf die Vollendung.