Satire

Wir pfeifen auf den Untergang

So schrill war einst Paris: Marcel Aymés Satire „Der wunderbare Friseur“

Ein Alter stirbt – und jetzt bricht wirklich alles zusammen. Bevor den Fabrikdirektor Lasquin der Schlag trifft, kann er noch zwei Worte stammeln: „Elisabeth“ und „Produktion“. Nachforschungen ergeben, dass damit erstens seine Geliebte gemeint war und zweitens seine Pornosammlung, gebunden in die Haut eines weiblichen Hinterns. Über diese Nachrichten ist die Witwe nicht mal besonders traurig, umso wirkungsvoller kann sie sich als tragisch umflort inszenieren. Für Elisabeth muss einem auch nicht bange sein: Die Vergünstigungen durch Liebesdienste werden nicht versiegen, denn der Schwager des Verblichenen übernimmt alle Rechte bei ihr.

Während die um die Fünfzigjährigen sich im Paris des Jahres 1936 also durchaus zu helfen wissen, läuft bei der jungen Generation wirklich alles aus dem Ruder. Micheline, die Tochter des Fabrikdirektors, will sich nach kaum einem Jahr Ehe von ihrem Mann Peter scheiden lassen, der Frauen insgeheim verachtet. Sie verspricht sich mehr von Pierres bestem Freund Bernard. Doch mit dem gelangt sie vom Regen in die Traufe. Erotisch auf ihre Kosten kommt sie nur bei Milou, einem Boxer aus dem Prekariat, den sein schwuler Gönner gerade zum Proletarier-Schriftsteller aufbauen will. Das Plebejische ist ohnedies der letzte Schrei in diesem Sittengemälde Frankreichs in den Dreißigerjahren.

Bei Marcel Aymé (1902-1967) bleibt von Frankreichs Dritter Republik nicht viel übrig. Die Schalen seines Spottes gießt er gleichermaßen über das politische Establishments wie über die opportunistischen Schriftsteller. Das klingt nach Ingrimm und Verbohrtheit, aber das Buch ist dank seiner brillanten, pointierten Dialoge vor allem komisch. Kein Wunder, dass Marcel Aymé zu den meistgelesenen Autoren der Zwischenkriegszeit gehörte. Bei den Intellektuellen hatte er sich aber mit diesem Buch, das 1941 zunächst als Fortsetzungsroman erschien, so gründlich in die Nesseln gesetzt, dass er lange Zeit vergessen war. Jetzt entdeckt man ihn, über den Umweg der angelsächsischen Länder, in Frankreich wieder. Vielleicht gelingt das auch in Deutschland. Der Aufbau-Verlag plant jedenfalls schon die nächsten beiden Aymés. Heute, wo das politische Frankreich wieder ähnlich absurde Züge annimmt wie damals in der Dritten Republik, ist dieser Autor ziemlich aktuell.

Marcel Aymé: „Der wunderbare Friseur“. Aus dem Franz. von N. Mälzer und K. Uttendörfer. Aufbau Verlag, 318 Seiten, 15,99 Euro.