Roman

Obdachlos ist das neue Superhip: „Ueberdog“ von Jörg-Uwe Albig

Romane wissen meist mehr von sich als die, die sie geschrieben haben. Zum Glück. Sonst bräuchten wir sie ja nicht lesen. Es würde reichen, sich mit den Autoren zu unterhalten. Im Idealfall ist der Text klarsichtiger, unbestechlicher, mutiger. Dummerweise heißt das noch lange nicht, dass er auch gelungen ist. Manchmal hat er nur eine erstaunliche Einsicht in die eigenen Unzulänglichkeiten. Jörg-Uwe Albigs „Ueberdog“ ist dafür ein Paradebeispiel.

Seine Ich-Erzählerin Stella ist eine unverbesserliche Society-Süchtige. Sie wird Fotografin, um den Angebeteten möglichst nahe zu sein. Anfangs drängelt sie sich auf C-Promi-Partys. Später wechselt sie zu einer Gruppe Obdachloser, weil die noch verruchter, noch authentischer vintage sind. Der Roman ist ein One- Trick-Pony. 200 Seiten lang springt er über dieselbe brennende Mülltonne. In grellen Farben wie auf den 400-Euro- Sneakern, für die belanglose Leute mit illustren Namen wie Serge Stierlin und Minette Theotonidis nächtelang vor den Geschäften kampieren, zeichnet er eine Welt markengeilen Stumpfsinns. Die Hamburger Society-Zombies – der Roman spielt an der Elbe – sind zu keiner Unterhaltung begabt, außer ihrer eigenen. Kurz vor Schluss scheint dem Roman selbst der Geduldsfaden zu reißen; er legt Zork, dem vielleicht gefährlichsten der Obdachlosen-Gang, Stella diesen Rüffel in den Mund: „Und du. Wo kommst du überhaupt her. Wer bist du eigentlich, Mensch. Was willst du hier. Wer hat dich überhaupt eingeladen.“ Dass hier jede Hilfe zu spät kommt, zeigt schon das Fehlen der Fragezeichen. Der Roman schwelgt im Luxus der eigenen Sprache, denn schreiben kann Albig zweifellos – und ödet sich dabei an.

Zu beflissen eifert sein Text Vorbildern wie Christian Krachts „1979“ und Leif Randts „Schimmernder Dunst über Coby County“ nach, borgt sich von ihnen nicht nur die schillernde Dekadenzkritik, sondern auch die Manieriertheit der Sprache. Das ganze Buch liest sich, als habe sich eine angeschickerte Lyriktruppe auf eine Prosaparty verirrt. Die dort gereichten „Pumpernickelschnittchen mit Flusskrebssalat und Rohmilchkäse“, schreibt Albig, „reichten noch für Tage“. Leider gilt das nicht für den Plot, der ist am Verhungern.

Symbolträchtig quartieren sich die unbehausten Hipster vorübergehend in der Bauruine der Elbphilharmonie ein, um in deren Ehrfurcht im Konzertsaal ihre tschechischen Transistorradios aufzudrehen. Bald ist ihr Radical Chic das neue heiße Ding. Am Ende verschlägt es die total abgehalfterte Stella auf eine Cocktailparty im Museum für Völkerkunde. Den Türsteher hat sie problemlos passiert, sieht sie doch viel überzeugender fertig aus als all die Trittbrettfahrer des Elends. Wie sagt sie einmal: „Alles cool hier, aber was fehlt, ist die Idee.“ Doch auch diesmal liegt sie leider falsch, denn eine Idee gibt es ja. Bloß eine zweite fehlt.

Jörg-Uwe Albig: Ueberdog. Tropen Verlag, 223 Seiten, 19,95 Euro.