Kinderbuch

Erst ein Pelikan zeigt den Menschen, wie sie so ticken

Dieser Roman erzählt von der Freundschaft zwischen einem Pelikan und einem Jungen.

Wer dabei an Lassie- oder Black-Beauty-Romantik denkt, liegt völlig falsch. Denn dieses Buch ist so klug und tief, wie große Literatur überhaupt nur sein kann. Es ist so gut, dass es wehtut. Oder anders gesagt: Es ist so gut, weil es wehtut. Es erzählt vom Leben, seinem Schmerz und seinen Abgründen, von Regeln und Ausnahmen, von Freundschaft, Scham und Abschied. Ruhig im Ton, zurückgenommen in der Erzählhaltung, unsentimental, manchmal auch komisch, ist es bewegende Lektüre, die tiefe Spuren hinterlässt.

„Die Menschen halten mich für hässlich“, sagt der Pelikanmann, „dabei habe ich am Strand zu den prächtigsten Pelikanen gehört.“ Aber unter seinesgleichen fühlt er sich fehl am Platz; es zieht ihn in die Stadt, zu den Menschen. Er lässt also seine Familie zurück, die Pelikankinder, den Strand und den salzigen Wind, der ihm unter die Schwingen fuhr. Wasser gibt es in der Stadt nur im Springbrunnen, und schlafen kann man dort auch nicht. Schlafen darf man ohne Geld überhaupt nie einfach so; schnell lernt der Pelikan, dass Verbote und Regeln das Leben der Menschen bestimmen, aber das schreckt ihn nicht ab. Im Gegenteil: Mit dem ersten selbst verdienten Geld kleidet er sich beim Herrenausstatter in feines Tuch. Die dünnen Vogelbeine verschwinden in gebügelten Hosen und niemand schaut in die gelb umränderten Augen. Weil Kleider Leute machen, erkennen von nun an nur noch die Kinder, wen sie vor sich haben.

Der Junge Emil hat sich, obwohl er fast schon kein Kind mehr ist, die Neugier auf den seltsamen neuen Nachbarn bewahrt. Der Pelikanmann sucht jemanden, der ihm das Schreiben beibringt; Emil, dessen alleinerziehende Mutter kaum für ihn da sein kann, sucht einen Gefährten. Bald entwickelt sich eine anrührende Freundschaft zwischen den zwei Suchenden, die beide auf ihre Weise ihren Platz in der Welt noch nicht gefunden haben. Diese Welt ist, mit dem fremden Blick des Pelikans betrachtet, sonderbar und gnadenlos. Wie das Leben unter den Menschen funktioniert, ist das große Rätsel, dem sich die beiden fragend und erzählend nähern, ohne es zu lösen.

Wie Leena Krohn, in Finnland mit ihrem großen Werk für Erwachsene und Kinder bekannt geworden, von diesen Konflikten erzählt, die tief in die Grundfragen unserer Existenz schneiden, ist meisterhaft. Tröstliche Lösungen sucht man bei ihr vergeblich. Für Kinder ist dieser kleine Roman deswegen eine Zumutung. Nicht jeder wird sich seinen bitteren Wahrheiten aussetzen wollen, und zu kleine Menschen werden daran erschrecken. Und trotzdem: Es sollte in jeder Familie zugänglich sein für alle, die lesen können. Am besten direkt neben dem Hausschlüssel oder dem Kühlschrank bereitlegen. Dann kann es wirklich niemand übersehen.

Leena Krohn: Emil und der Pelikanmann. Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat. Fischer, 202 Seiten, 12,99 Euro. Ab 10 Jahre.