Kunst

Ein Vogel imitiert die ganze Welt

Kader Attia ist ein Künstler, der im Fremden das Eigene entdeckt

Ihr „Relaunch“ als neue Chefkuratorin in den Kunstwerken (KW) war klar und deutlich und fantasievoll. Wo andere gigantische Ausstellungen vorbereitet hätten, da räumte Ellen Blumenstein kurzerhand das Haus leer, entkernte es architektonisch und setzte es auf den Ist-Zustand der 90er Jahre zurück. Kratzte also gewissermaßen Zeitschichten ab, die die Gegenwart überlagern. Mit Teasern und nur wenigen minimalen, suggestiven Interventionen (wie die riesige Fruchtfliege) zeigt sie in den einzelnen Räumen, was in dem Kunsthaus eigentlich alles an Geschichte(n) steckt.

Nun holt sie zu ihrem zweiten Streich aus, und der heißt Kader Attia. Und was der algerisch-französische Künstler dort in sieben Räumen präsentiert, ist so clever, klug wie sinnlich, dass wir gleich zweimal den Parcours durchlaufen. Es geht über dunkle, enge Kabinette mit spiegelnden Masken durch die große Halle hindurch über die Bar im Keller wieder hinaus ans Tageslicht. Wer im vergangenen Jahr auf der Documenta Attias Industrieregale mit den monströsen Holzschädeln im Fridericianum gesehen hat, weiß: die Berliner „Reparatur“ in „5 Akten“ ist eine Weiterführung des globalen Themas, das um Weltkulturen kreist, um westliches Denken und nicht-abendländische Kulturen. „Wichtig ist, dass gedacht und gefühlt wird“, sagt Kader Attia. Zwei Wochen lang hat er sich in den KW eingeschlossen, um an den Arbeiten zu tüfteln.

Attia, Jahrgang 1970, ist kein Ornithologe, aber der edle Prachtleierschwanz, der in australischen Bergschluchten zu Hause ist, hat es ihm angetan. Der Menurida gilt als bester Sänger im Reich der Vögel, ist aber auch der größte Imitator vor dem Herrn. Da wankt und schwankt das Vögelchen nun in einer Baumkrone in der Halle der KW und flötet hübsch und munter vor sich hin.

Halt, plötzlich ein Geräusch wie der rumpelige Motor eines alten VWs. Dann das Wiehern eines Esels, oder was sollte es sonst sein? Der Zweibeiner ahmt nicht nur Stimmen anderen Federviehs nach, sondern alles, was im Menschenlande an schönen und unschönen Geräuschen produziert wird. Soll einer sagen, Natur, Kultur und Zivilisation kommen nicht zusammen. Ob diese enorme Anpassungsleistung dem Leierschwanz in Down Under allerdings auf Dauer gut tut, ist eine andere Frage. So etwa funktionieren die Arbeiten von Attia. „Ich mache Kunst nicht, um über Kunst zu sprechen, sondern über Politik“, hat der Wahlberliner einmal gesagt. Eigentlich sind alle seine Werke poetisch überhöht, assoziativ und vielstimmig. Nur so kann man heute die Welt anschauen, sagt er, der Grenzgänger, der als Sohn algerischer Eltern in einer dieser trostlosen Vorstädte von Paris groß geworden ist. Das hätte dumm enden können, doch Attia studierte Philosophie und Kunst, dann gings stetig bergauf. Bekannt geworden ist er mit „Landebahn“. Der Titel spielt an auf jene grauen Boulevards von Paris, wo algerische Transvestiten versuchen, bei Freiern „zu landen“. Zwei Jahre hat Attia ihren „Alltag“ mit der Kamera begleitet.

Wir bewegen uns zwischen wuchtigen Regalen. Dort liegen im Zwielicht Bücher mit Titeln wie „Deutsche auswärtige Politik, 1888-1914“, „Die deutsche Kolonie“ oder „L’Armee d’Afrique“. Alle Bände sind zugenäht, mit groben Stichen aus Metallgarn. Aus der Geschichte lernen – oder sie verdrängen. Bei Kader Attia hat jeder seine eigene Lesart.

Kunstwerke, Auguststr. 69, Mi-Mo 12-19 Uhr, Do 12-21 Uhr. Bis 25. 8.