Opern-Kritik

Wagner für Schwerhörige

Zu viel Krach: Donald Runnicles dirigiert den „Fliegenden Holländer“

Wagner war der Ansicht, man solle seinen „Fliegenden Holländer“ ohne jede Pause spielen. Nun tat ihm die Deutsche Oper, zu Gast in der Philharmonie, den Gefallen: Kein Kinderspiel, weder für die Zuhörer noch für die Mitwirkenden. Wegen eines peinlich verzögerten Anfangs kletterte die Spieldauer auf annähernd zweieinhalb Stunden hinauf. So aber hatte Donald Runnicles Zeit genug, sein Orchester voll in den Griff zu bekommen. Es fühlte sich als Gast in der Philharmonie anfangs offenbar fehl am Platz. Es spielte quasi drauflos, als gälte es ein musikalisches Verwirrspiel aufzuführen, das sich erst allmählich vom Taktstock des Dirigenten in die vorgeschriebenen Formen zwingen ließ. Leider Gottes jedoch durchgehend zu laut. Dieser „Fliegende Holländer“ machte quasi pausenlos ermüdenden Krach, als habe Wagner ihn für die vereinten Schwerhörigen von Paris geschrieben.

Denn dort sollte das Werk nach Wagners verzweifeltem Willen seine Uraufführung erleben. Er hatte drei Stücke, Sentas Ballade und zwei gegensätzlich beschwingte Matrosenchöre, als Appetitmacher für die Pariser Opéra vorbereitet. Aber keiner dort führte sie auf oder hörte sie an. Im Gegenteil: man zahlte dem brotlosen Wagner, den ausgerechnet Meyerbeer unterstützte, 500 Francs für den Verkauf seiner dramatischen Ideen an Pierre-Louis Dietsch, einen unglückseligen Möchtegern-Komponisten, der daraus seine Oper „Le Vaisseau fantome“ schneiderte, die von der Deutschen Oper, fleißig, fleißig, am kommenden Dienstag konzertant im Konzerthaus zur Aufführung kommen wird.

Auch die Erstfassung des „Holländers“, 2004 ausgerechnet im Moskauer Bolschoi-Theater uraufgeführt, gelingt es nicht, trotz der veränderten Aktschlüsse besonders zu interessieren. Man nimmt sie zur Kenntnis, mehr nicht. Statt dessen macht man in der Titelrolle die Bekanntschaft mit einem ganz und gar genialischen Interpreten, dem Bassbariton Samuel Youn, der sich längst aus seiner südkoreanischen Heimat nach Bayreuth und ins Kölner Opern-Ensemble heraufgesungen hat. Er singt mit voller dramatischer Schlagkraft, aber gleichzeitig immer mit voller stimmlich packender Schönheit. Beides lässt sich schließlich vereinen, wie gleich zu Anfang Clemens Bieber mit seinem kostbar tenoralen Sehnsuchtsgeschluchz als Steuermann nachwies.

Mit einer derartigen stimmlichen Ausforschung ihrer Partie hält sich die ausgezeichnete Sopranistin Ricarda Merbeth nicht lange auf. Sie singt zuverlässig und tonschön ihre Noten, als ginge sie das, was Wagners Opernheldin zu vermelden hat, nicht das Geringste an. Die Chöre der Damen wie der Herren, von William Spaulding glänzend einstudiert, sind da schon ganz anders bei der Sache, selbst musikdramatisch zutreffender als selbst der viel bewunderte, glatte tenororale Liebhaber Klaus Florian Vogt als Erik, selbst wenn er in der Urfassung des Werkes statt dessen Georg heißt. Aber damit kann jeder Wagner-Fan leben.