Theater

Tristan und Isolde und eine verräterische Frau

Katie Mitchell inszeniert eine neue Geschichte im Theater

Einen alten Besetzungszettel hat der frühere Staatsopernintendant Hans Pischner jetzt zur Premiere von „Le Vin Herbé“ im Schiller-Theater hervor gekramt. In seiner Amtszeit, es war am 16. Januar 1968, wurde das „weltliche Oratorium“ im Apollo-Saal der Staatsoper aufgeführt. Und das unter Leitung des Schweizer Komponisten Frank Martin, der seinerzeit die konzertante Aufführung favorisierte. Pischner, mittlerweile 99 Jahre alt und immer noch aktiver Operngänger, wollte sich unbedingt die szenische Umsetzung im Schiller-Theater ansehen.

Selten auch erlebt man solch eine Opern-Aufführung von szenisch wie musikalisch vergleichbar fesselnder Überzeugungskraft. Es handelt sich dabei um den altbekannten Liebestrank, dem Tristan und Isolde zum Opfer fallen. Es ist gleichsam ein unvermuteter Beitrag zum Wagner-Jahr. Allerdings ohne Richard Wagner, dafür aber weit kürzer. Nach rund hundert Minuten ist alles vorbei.

Katie Mitchell hat die Tragödie in Szene gesetzt. Lizzie Clachan hat ihr dafür das trostlos monumentale Dekor gebaut, eine halb verfallene Theaterhalle im kriegsdurchtobten Frankreich, in dem alles Erdenkliche zerstört erscheint, nur die Fülle an höchst eleganten Mänteln, Schals, Schuhen, Kleidern noch nicht. Außer mit Singen sind alle Mitwirkenden pausenlos mit Zureichungen beschäftigt. Bald werden Betten auf die Bühne geschleppt und hin und her verschoben, bald werden eilends winzige Frühstückstische aufgebaut und im Handumdrehen wieder weggeräumt. Es geschieht pausenlos durchaus Ansehnliches auf der Bühne. Katie Mitchell erweist sich als eine zu bewundernde Regisseurin. Selbst wenn nichts passiert, hält sie mit imaginativer Kraft das Geschehen in Gang.

Es gelingt ihr sogar, die „Weißhand-Isolde“, die verräterische Gegenspielerin der Vielgeliebten gleichen Namens, einzuführen und sie ihre mörderische Lüge verkünden zu lassen. Nicht mit dem hoffnungsfroh weißen Segel, sondern mit einem tiefschwarzen kehre die lang und bang erwartete Isolde heim: ein gnadenlos schlimmes Zeichen für den dahinsterbenden Tristan. Den singt Matthias Klink, ein wahres Tenorwunder, begnadet wie kaum ein anderer mit Klangschönheit, Ausdauer, Präsenz, vom guten Tristan gemäßen Aussehen ganz zu schweigen. Leider musste sich Anna Prohaska, die ideale Isolde, wegen stimmlicher Indisposition entschuldigen lassen, doch führte sie ihre anspruchsvolle Rolle mit vokalem Anstand zu Ende. Vor allem aber beeindruckte das bei aller musikalischer Prachtentfaltung rundum beherrschte Kammerspiel.

Staatsoperim Schiller-Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Tel. 20354555 Termine: 29. Mai; 1., 7., 9., 13. Juni