Kino

„Ich wusste, dass ich das kann“

Schauspielerin Bérénice Bejo hat in Cannes gesiegt. Im Interview gibt sie sich sehr bodenständig

Sie war die Überraschung des Filmfestivals in Cannes. Vor zwei Jahren spielte Bérénice Bejo die weibliche Hauptrolle in der Stummfilmhommage „The Artist“ ihres Ehemanns Michel Hazanavicius und viele sahen in ihr vor allem dessen schöne Muse. Nun begeistert sie im leisen Beziehungsdrama „Die Vergangenheit“ des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi als eine Frau zwischen zwei Männern und wurde dafür am Sonntag völlig zu Recht als Beste Darstellerin ausgezeichnet. Thomas Abeltshauser hat mit ihr in Cannes gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Diese Marie ist eine ungewöhnliche Rolle nach Ihrem Erfolg mit der Stummfilmkomödie „The Artist“. Wie kam es dazu?

Bérénice Bejo:

Ich bin Asghar Farhadi zum ersten Mal begegnet, als wir mit „The Artist“ bei all den Preisverleihungen bis hin zu den Oscars waren, bei denen er mit seinem Film „Nader und Simin“ Trophäen abräumte. Wie so viele hat natürlich auch mich sein Film total berührt, aber wir haben nie viel mehr als Hallo gesagt. Bei ihm gibt es kein Vorsprechen, man kann ihm nicht zeigen, wie toll man für die Rolle passt. Man macht nur ein paar Fotos in Rollen-Make-Up und der passenden Frisur. Und dann wartet man wie auf glühenden Kohlen, während Asghar andere Schauspielerinnen testet. Irgendwann hat dann zum Glück überraschend das Telefon geklingelt.

Wie überrascht waren Sie wirklich?

Ganz ehrlich? Ich wusste, dass ich das kann. Aber als er anrief, fing ich zu weinen an. Nach dem Erfolg von „The Artist“ dachte ich, nie wieder in einem so guten Film mitzuspielen oder vielleicht erst in ein paar Jahren. Und schon sechs Monate nach den Oscars stand ich für ihn vor der Kamera. Und weil in seinen Filmen die Schauspieler durch seine Führung immer exzellent sind, wusste ich, dass er all das aus mir rausholen würde, was mir viele nicht zugetraut hätten.

Wie hat er mit Ihnen gearbeitet?

Sehr intensiv. Oft bin ich abends nach Hause und war ganz aufgewühlt, ich war immer noch Marie. Mein Mann Michel hat nicht nur einmal gemeckert, wenn ich ihn etwas patzig angefahren habe. Ich hatte Angst, dass ich 15 Wochen lang so sein würde. Nach einem Monat wurde es dann aber besser und ich konnte gut abschalten. Und Asghar hat mich immer gebremst, er wollte nicht, dass man sah, dass ich schauspielere. Kein Gähnen, kein Weinen, alles sollte so zurückgenommen wie möglich sein. Also das Gegenteil von „The Artist“, wo es keinen Dialog gab und wir alles überdeutlich spielen mussten.

War es für Sie eine bewusste Entscheidung, nach dem Film mit Ihrem Mann etwas ganz anderes zu machen?

So denke ich nicht. Ich plane meine Karriere nicht. Ich versuche, mir selbst keinen Druck aufzubauen und als Schauspielerin alle meine Facetten zeigen zu müssen. Und ich hatte keine Angst, auf die Rolle aus „The Artist“ festgelegt zu werden, weil ich schon wusste, dass ich danach wieder mit Michel arbeiten würde, in einer Rolle, die ganz anders ist. Sein nächster Film wird ein Drama über den Tschetschenienkrieg und ich werde eine UN-Berichterstatterin spielen.

Ist es nicht unglaublich anstrengend, 15 Wochen lang Tag und Nacht mit je einem von zwei Regisseuren zu verbringen?

(lacht) Zuhause ist Michel zum Glück kein Regisseur, sondern Ehemann.

Wie funktioniert ein Haushalt mit zwei starken Künstlerpersönlichkeiten? Beraten Sie sich gegenseitig? Hütet Ihr Mann die Kinder, wenn Sie unterwegs sind?

Jetzt im Moment ist Michel auch hier in Cannes und sucht nach Geldern für seinen Film. Und freut sich, Monsieur Bejo zu sein, wie er sagt. Wir unterstützen uns gegenseitig und sind keine Konkurrenten, was einfach ist, weil er Regisseur ist und ich Schauspieler bin.

Wenn Sie nicht zusammen arbeiten, geben Sie sich gegenseitig Ratschläge, lesen Sie sich Drehbücher vor?

Nein. Michel hat zwar Asghars Drehbuch gelesen, aber nicht wegen mir, sondern weil er dessen Filme liebt. Sie haben sich bei der Filmpreissaison angefreundet, telefonieren oft. Michel hat meinen Film sogar lange vor mir gesehen. Aber sonst lesen wir nicht die Drehbücher des anderen. Er macht seine Sachen und ich mach meine.

Klingt nach einer modernen Ehe.

Ja, sehr modern. Er spült das Geschirr und ich mache die Wäsche. Das kann er einfach nicht. In all den acht Jahren hat er kein einziges Mal Wäsche gewaschen. Ich kann zwei Wochen weg sein und wenn ich zurückkomme, liegt ein riesiger Berg Klamotten da. Dabei ist es gar nicht so schwer: Tür auf, Wäsche rein, Tür zu, Knopf drücken. Aber was soll’s. Ich hasse das Abspülen, so ergänzen wir uns ganz gut.

Sie sprechen fließend Englisch, anders als die meisten Ihrer französischen Kolleginnen. Könnten Sie sich auch eine Karriere in Hollywood vorstellen?

Warum nicht? Aber es gibt so viele großartige Schauspielerinnen und es ist sehr schwer, wenn man einen Akzent hat. Marion Cotillard ist eine große Ausnahme und sie hat immerhin als Edith Piaf einen Oscar gewonnen. Ich habe meinen verloren, auch wenn ich nominiert war. Und momentan will ich auch nicht so lange Zeit von meiner Familie getrennt sein. Letztes Jahr habe ich sogar einen Film abgesagt, nur weil er in Südfrankreich gedreht wurde und wir in Paris leben. Drei Wochen später rief Asghar an, um „Die Vergangenheit“ in Paris zu drehen. Gutes Timing, oder?

Hätten Sie ihm auch abgesagt, wenn es nicht Paris gewesen wäre?

Wenn er gesagt hätte, wir drehen in Südafrika, hätte ich meine Kinder und meinen Mann in einen Koffer gepackt und hätte mich in den nächsten Flieger gesetzt. Wie hätte ich da nein sagen können?

Wenn es so viele tolle Kolleginnen gibt, was macht Sie besonders?

Hm, lassen Sie mich überlegen... Ich habe eine Knochenfehlstellung am Fuß, die wirklich schmerzhaft ist, wenn ich hochhakige Schuhe tragen muss. So etwas hat Ihnen bestimmt noch keine andere Schauspielerin erzählt, hab ich Recht?