Bühne

Ein Theater zieht weg

Die Chefs des Maxim Gorki gehen nach Stuttgart und nehmen viele Schauspieler mit. Wie geht das?

An der Wand hinter dem runden Tisch kann man die Intendanz von Armin Petras Revue passieren lassen. Dort hängen Inszenierungsfotos. Viele. Wenn Schauspieler des Maxim Gorki Theaters bei Klaus Dörr im Büro vorbeikommen, schauen sie natürlich auf die Bilder. Bin ich drauf? In welcher Rolle? Alle Ensemblemitglieder sind zu sehen, darauf hat der geschäftsführende Direktor geachtet. Dörr hat dort Gespräche und Verhandlungen geführt. Schließlich steht ein Umzug an: Das halbe Ensemble, etliche weitere Mitarbeiter und zehn Inszenierungen nehmen Petras und Dörr mit ans Staatsschauspiel Stuttgart. Ein Theater im Aufbruch.

Ein Drittel geht

Der 51-jährige Dörr sitzt im Intendanten-Zimmer, das hat Armin Petras ihm gleich am Anfang überlassen, weil es größer ist und Petras als regieführender Intendant sich eh nicht so häufig in seinem Büro aufhält. Im Sommer 2006 haben die beiden am Maxim Gorki Theater angefangen, rund 80 große Produktionen sind in den sieben Jahren herausgekommen. Im Herbst 2011 nahm Petras das Angebot an, die Leitung des Staatsschauspiels in Stuttgart zu übernehmen. Dörr hat keine Sekunde gezögert, Petras zu begleiten. Ein Grund für den Weggang war auch die Berliner Kulturpolitik, die das Gorki, das kleinstes Staatstheater der Stadt, finanziell knapp hält. Der Etat müsste eigentlich um eine halbe Million Euro höher liegen, sagt Dörr. Das Studio, die kleine Bühne, wird nur selten bespielt, um Kosten zu sparen.

Stuttgart erscheint da vielen wie das Schlaraffenland. Reicher Süden, teurer Süden. Zumindest sahen das die Mitarbeiter so, als sie mit Klaus Dörr über die Höhe ihrer Gage verhandelten. Der künftige künstlerische Direktor des Schauspiels Stuttgart musste die Schauspieler bremsen und konnte dann auch darauf verweisen, dass er selbst eine Wohnung gefunden hat, die „in der Nähe des Theaters liegt und billiger ist als eine in Berlin-Mitte“. Allerdings musste er die nicht auf dem freien Markt suchen, sondern hat sie von einem Dramaturgen vermittelt bekommen. Zu Ostern fuhr eine Gorki-Wechsel-Delegation ins Ländle, ein Fotoshooting für das neue Spielzeitheft stand an, aber auch ein Kennenlernen der Kollegen und der Stadt. Auch ein weiterer Wohnungstausch ergab sich, ein Stuttgarter Schauspieler, der im Sommer nach Berlin geht, kann sich jetzt die Suche in der Hauptstadt sparen.

Insgesamt verlassen in diesem Sommer rund 50 der etwa 150 festen Mitarbeiter das Maxim Gorki Theater, die „meisten gehen freiwillig“, betont Dörr. Es gab vor einiger Zeit wegen der von der neuen Gorki-Intendantin Shermin Langhoff ausgesprochenen Kündigungen einige Diskussionen. Es wird eine ästhetische Neuausrichtung geben, im November geht es los. Nur ein einziges Ensemblemitglied bleibt: Ruth Reinicke, ein Urgestein des Maxim Gorki Theaters. Die gebürtige Berlinerin ist seit 1979 am Haus.

Der größte Teil der Kollegen zieht mit Petras nach Stuttgart, darunter Peter Kurth, Anja Schneider, Robert Kuchenbuch und Paul Schröder. Edgar Selge und Franziska Walser werden das 35-köpfige Ensemble in Stuttgart verstärken, Fritzi Haberlandt kommt als Gast ins Schwabenland. Andere wechseln ans Burgtheater nach Wien, nach Hamburg oder Köln, wo auch der leitende Gorki-Dramaturg Jens Groß das Team von Neu-Intendant Stefan Bachmann verstärkt. Theater ist ein Wanderzirkus.

Inszenierungen mitnehmen

Umziehen werden aber nicht nur Menschen, sondern auch Inszenierungen: „Wir nehmen zehn Produktionen mit“, sagt Klaus Dörr, darunter „Das Versprechen“, „Der zerbrochne Krug“, „Besuch der alten Dame“, „Die Räuber“ und „Leben des Galilei“. Das ist nichts Ungewöhnliches, hat man dadurch doch gleich ein größeres Repertoire am neuen Ort. Und richtig gut ist es, wenn die Schauspieler aus diesen Inszenierungen mitwechseln, das erleichtert die Spielplangestaltung erheblich, weil mühselige Freigabe-Verhandlungen mit anderen Theatern entfallen.

Die Arbeiten werden übrigens nicht kostenlos übernommen, schließlich wurden sie letztlich mit Berliner Steuergeldern finanziert. Zwischen 5000 und 25.000 Euro „Ablöse für Material und Verwertung“ wird fällig, erzählt Klaus Dörr. Der Preis wird genau berechnet, unter anderem hängt er davon ab, wie alt die Inszenierung ist und ob das Bühnenbild mitgenommen wird wie bei „Bahnwärter Thiel“ oder „Iphigenie“. Das ist allerdings die Ausnahme, denn die Bühne in Stuttgart ist größer als die am Gorki, für die anderen Produktionen wird deshalb vor Ort neu gebaut.

Kostüme lassen sich da leichter mitnehmen, zumal, wenn sie vom selben Schauspieler getragen werden. Weil aber das Gorki „aus dem Fundus lebt, darf der nicht geplündert werden“, wie Dörr betont. Und gibt ein Beispiel: In der „Räuber“-Inszenierung treten 30 Statisten auf, die haben ihre Stiefel komplett aus dem Fundus bekommen, das spart Kosten.

Im Schnitt sechs Tage im Monat ist Klaus Dörr seit Sommer 2012 in Stuttgart, um die neue Intendanz vorzubereiten. Das Verhältnis zu den Stuttgarter Kollegen bezeichnet er als „sehr freundschaftlich“. Intendant Hasko Weber wollte seinen Vertrag dort nicht verlängern, er wechselt ans Nationaltheater Weimar. Weber hinterlässt den Berlinern 4000 Abos und ein saniertes 650-Plätze-Haus, falls es rechtzeitig fertig wird. Davon geht Dörr („Wir eröffnen Ende Oktober“) aus, aber noch gibt es Probleme mit der Steuerung der Bühnentechnik. Kein schönes Ende für die Intendanz von Weber, der zwischenzeitlich wieder ins Haus zurückkehren konnte, aber dann wieder ausziehen musste. Bauprobleme gibt es halt nicht nur in Berlin.

Dort verabschiedet sich das Ensemble von seinem Publikum mit einem Spektakel: „Fünf Tage im Juni“ bringt vom 12. bis 16. Juni noch einmal viele Premieren an verschiedensten Orten und im Anschluss an die die Intendanz beendende „Rummelplatz“-Aufführung ein Sommerfest. Und danach wird Klaus Dörr dann endgültig sein Büro räumen, weil er bislang nicht wirklich Zeit fand, zusammenzupacken.