Album

Soundtrack zum Knutschen

Wohlkalkuliert: Tim Bendzkos zweite Platte „Am seidenen Faden“

Er kommt ja aus Berlin. Kaulsdorf nämlich. Aber hört man seine neue Platte, dann ist man irgendwo, jedenfalls nicht in Berlin. Da steht dieses Klavier, das nur in schwerem Moll bespielt wird. Die Geigen weinen bitterlich. Die Stimme, die immer so ein bisschen mitvibriert wie bei Xavier Naidoo, setzt ein, später auch das Schlagzeug und die Zeilen des Refrains werden hundertfach wiederholt. Natürlich stoßen auf dem Höhepunkt wieder die Geigen dazu. Am Ende bleiben nur noch Stimme und Klavier übrig. Wohlkalkuliert komponierte Pop-Songs hören wir auf seiner zweiten Platte „Am seidenen Faden“.

Gut gemacht, zweifelsohne durch das gerne investierte Budget der Plattenfirma. Bendzkos Debüt brachte Doppelplatin. Über 400.000 mal verkaufte sich „Wenn Worte meine Sprache wären“. Das ist ein Riesen-Erfolg in einer Zeit, in der viele Konsumenten nur noch Song für Song kaufen, oder eh gleich streamen. Also noch mal investieren und noch mehr rausbekommen. Songschreiber wie Christian Kalla werden engagiert, um das Produkt Bendzko noch besser klingen zu lassen. Kalla ist ein blutjunger Produzent und Arrangeur aus der bayerischen Provinz, der amerikanischen Rap-Größen wie Drake unter die Arme greift oder auch Alicia Keys. Irgendwo klemmt's, also holen wir den Kalla. Bei vier Songs hat er Bendzko beim Arrangement geholfen. Raus kommt dabei der Soundtrack für die Wiese in Marktredwitz, vielleicht für's Knutschen an der Bushaltestelle in Papenburg oder auf dem evangelischen Kirchentag in Hamburg. Bendzko hat tatsächlich mal Theologie studiert. Seine Musik passt überall dort, wo man ein bisschen gefühlsduselig sein will, ohne klar Position zu beziehen. Gefällig muss es sein. Easy Listening für alle. Inzwischen füllt er damit die Wuhlheide.

Wenn er mal reiben will, ein bisschen kritisch sein, verheddert er sich in seinem roten Faden. Sein Roter Faden ist ja, es gibt keinen. Er erzählt eigentlich keine großen Geschichten, sondern nur Bild für Bild, Gefühl für Gefühl in einer Collage. In „Programmiert“ versucht er sich dennoch als singender Essayist über das digitale Zeitalter. Pessimistisch ist er da. „Bestell' ne Pizza im Netz/ das geht heut' alles wie von selbst/ Sozialer Kontakt wird überschätzt/ ich feier' 'ne virtuelle Party mit meinen virtuellen Fans“ – so singt doch kein 28-Jähriger. Vielleicht Udo Jürgens oder ein süddeutscher Kabarettist um die 75. Jedenfalls schubbert da so ein Wandergitarrist mit Strohhut drüber, im Hintergrund Bläser wie bei einem Marsch und in einer Pause digitale Störgeräusche, die an eine Raumschifflandung in einer japanischen Zeichentrickserie erinnern. Am Ende fragt Bendzko doch tatsächlich noch mal, wie sich denn das echte Leben anfühlen soll.