Gestorben

Der Chansonnier, der sich stolz „Kanake“ nannte

Sänger, Dichter und Musiker Georges Moustaki ist tot

Nach dem Tode von Georges Moustaki wird jetzt wieder das Abzählen losgehen, wer denn nun eigentlich noch von den Vertretern der großen Chansontradition lebt. Solange Juliette Gréco und Charles Aznavour noch aktiv sind, gibt es eigentlich keinen Grund, den Untergang jenes spezifisch französischen Liedgenres zu verkünden. Wahr ist allerdings, dass sich die Reihen allmählich doch stark lichten und dass mit Moustaki einer Abschied genommen hat, der das Chanson jahrzehntelang geprägt hat – als Komponist und Textdichter für andere und als Interpret seiner eigenen Schöpfungen.

Moustaki hat 1958 das – neben Charles Trenets „La Mer“ – wohl berühmteste Chanson des 20. Jahrhunderts gedichtet: Die melancholisch-leidenschaftlichen Verse, mit denen Edith Piaf zum Abschied einen „Milord“ genannten Geliebten (oder Kunden?) anredet, stammen von ihm. Die Musik dazu schrieb Marguerite Monnot. Der 24-jährige Moustaki war damals für kurze Zeit selbst der Geliebte der 19 Jahre älteren Sängerin. Der junge Mann, noch ohne Bart, war eine glutäugige orientalische Männer-Schönheit – warum hätte die Piaf, die auch sonst selten schüchtern war, sich ausgerechnet bei ihm zurückhalten sollen?

Für Moustaki muss es die Erfüllung eines Jugendtraums gewesen sein. Die Musik der Piaf hatte er schon in seiner Geburtsstadt Alexandria gehört. Dort war er in die kosmopolitische Welt der uralten ägyptischen Mittelmeermetropole hineingeboren worden als Sohn jüdisch-griechischer Eltern mit einem italienischen Vornamen: Eigentlich hieß er Giuseppe Mustacchi, das Pseudonym „Georges“ legte er sich erst in Frankreich zu, als Hommage an sein Idol Georges Brassens, der ihn auch ermunterte und beriet, als er 1951 nach Paris gekommen war. Sein Berufsziel: Chansonnier.

Viele Lieder aus seinem Solorepertoire sind in Deutschland Stoff des Französischunterrichts geworden: „Ma Solitude“ von seiner 1969 veröffentlichen ersten Langspielplatte „Georges Moustaki“ beispielsweise (zuvor hatte das Lied allerdings schon Reggiani interpretiert), in dem er die Einsamkeit als seine wahre treue Geliebte anbetet: „Sie verlässt mich nicht auf Schritt und Tritt, ist treu wie ein Schatten, sie ist mir überallhin in alle vier Himmelsrichtungen gefolgt. Nein, mit meiner Einsamkeit bin ich nie allein.“

Noch persönlicher war das Chanson „Le métèque“, in dem er sich selbst stolz „Kanake“ nannte und sich als Produkt der Jahrtausende alten Mischkultur des Mittelmeers vorstellte: „Mit meiner Kanaken-Fresse, der des umherziehenden Juden, des griechischen Hirten, und meinen in alle vier Windrichtungen sprießenden Haaren, werde ich kommen, meine süße Gefangene.“

Von der Bühne hatte Moustaki sich 2009 verabschiedet, nachdem er am 8. Januar ein Konzert in Barcelona abbrechen musste. Eine schwere Bronchienerkrankung machte ihm das Singen unmöglich. Gestern ist Georges Moustaki in Nizza gestorben, kurz nach seinem 79. Geburtstag.