Schmuck

Klunker als Gesellschaftskunde

Die Ausstelllung „Luxury for Fashion“ am Kulturforum zeigt Schmuck aus fünf Jahrzehnten. Sie zeigt: Auch das Falsche kann glänzen

Schon komisch, da denkt man sofort an das Lied vom Capri-Fischer und möchte fix seinen Koffer packen für ein paar Tage dolce vita in Italien. In der Vitrine liegen nämlich Ohrringe und Ketten mit Zitronen und Orangen verziert, fingerkuppengroß die Früchte des Südens, die gute Laune verheißen. Ganz vorne entdecken wir eine Kette mit lauter kleinen Muscheln aus Metall. Wenn man sie um den Hals trägt, sie sich bei Bewegung berühren, klingen sie wie helle Glöckchen.

Im besten Fall kann Schmuck also Lifestyle sein. In der Kunstbibliothek am Kulturforum öffnet sich mit der Ausstellung „Luxury for Fashion“ eine opulente Schmuckschatulle zur „Costume Jewellery“. Es funkelt und glitzert aus vielen Vitrinen, präsentiert wird eine interessante Auswahl mit etwa 400 Objekten aus der „Fior Collection“, eine Privatsammlung aus London. Adelheid Rasche, die Kuratorin, hat sie an der Themse gesichtet und hatte die Qual der Wahl aus vielen Hundert Stücken die Exponate auszusuchen. Vier Jahrzehnte, von 1950 bis 1990, sind abgedeckt.

Privatsammlung aus London

Hier glänzt mehr Schein als Sein, das ist aber nicht negativ zu verstehen. Es handelt sich um bestens verarbeiteten, teils handgefertigten und feingliedrigen Modeschmuck im Luxussegment – er kommt dem Echtgeschmeide extrem nahe. Allerdings nicht für die Ewigkeit gedacht, wie etwa Familienschmuck, sondern für den Moment, die mondäne Inszenierung. Bekanntlich sind Diamanten „a girl’s best friend“. Das wusste schon die Monroe, in deren tiefem Dekolleté allerlei Kristalle blitzten, Swarovski halt und leicht und unkompliziert zu tragen – eben Costume Jewellery. Wie toll das aussehen konnte, das zeigt die Fior Kollektion. Bei uns hat der Begriff Modeschmuck Geschmäckle, er steht für günstige, oft stillose Klunkern in Massenfertigung.

Wir steigen in eine Zeitmaschine und beamen uns zurück in die Fifties, Petticoats und Bleistiftröcke, alles dabei. Das Zitronen-Orangen-Capri-Geschmeide aus den 50er Jahren gehört allerdings zu den unaufwendigsten, unkonventionellsten Exponaten der Schau. Es wurde aus farbigem Kunststoff gefertigt und gibt gar nicht erst vor zu glänzen. Ansonsten gibt es wunderschöne Perlen, in verschiedenen Nuancen, Farben und Verarbeitungen, von klassisch-elegant bis Ethno-Look. Ihr Leuchten kommt vom Fischsilber, feinste gepulverte Schuppen, damit sind sie mehrschichtig überzogen. Angesagt waren damals die „Schmucksteine neuer Qualität“ von Swaroski, die besten, die es auf dem Markt gab. Heute agiert das aus Böhmen stammende Familienunternehmen in 42 Ländern.

Der Ausstellungsraum ist abgedunkelt, so schimmert der Schmuck in den reduzierten, weiß verkleideten Vitrinen ganz wunderbar aus sich selbst heraus, wie von einer inneren Lichtquelle bestrahlt. Mit den Siebzigern kommt happy Flower Power zurück. Alles ist möglich, die wilde Kombination auch unterschiedlichen Materialien kennt keine Grenzen: Jugendstil, Art Deco, Ägypten-Rival, Leder, Makramee, Plastikperlen. Die Ketten sind ziemlich lang und auch die Ohrringe baumeln sexy an den Ohren. Es lebe der Gypsy-Look!

Unglaublich sind die 80er Jahre, da denken wir unweigerlich an Dallas und Denver Clan, an starke und mächtige Powerfrauen mit zu blonden Haaren. Da wird geklunkert mit Ketten, pardon, zum Erschlagen groß. Mächtige goldene Quadratstrukturen fassen die bunten Steine ein. Frau zeigt, was Frau hat, gleich in ganzen Sets: dazu gehören Clips, Finger- und Armringe – und Broschen. Diese extravaganten Anstecker sind aus Kristallglas, mit Tieren oder floralen Motiven üppig dekoriert. Andere sind emailliert in rosa, gelb oder grün. Einfach Hingucker. „Conversation piece“ nannte man die Nadel gerne, wer so ein ausgefallenes Teilchen bzw. Tierchen an der Brust trug, konnte über mangelnde Ansprache nicht klagen. Madeleine Albright, ehemalige US-Außenministerin, hat sogar ein Buch geschrieben über „Read my Pins“, wo sie aus ihrer „Juwel Box“ plaudert. Als sie Palästinenserführer Arafat traf, rüste sie mit einer biestigen Wespe am Revers auf. Schließlich wollte sie „sticheln“, wie sie kommentierte. An die 300 gehören zu ihrem Fundus, die besten Stücke zeigte sie sogar in einem New Yorker Design-Museum.

Doch woher kommt diese Fior Collection, die zu den besten europaweit zählt? Sie gehört Lawrence Feldman, der in London lange, lange Jahre die Luxusboutique „Fior“ führte. Top-Lage, New Bond Street. Schon sein Vater Sonny hatte die Bedeutung von Modeschmuck erkannt und einen Laden in den Dreißigern eröffnet. Lawrence kultivierte das und setzte beim Geschmeide auf „Echtlook“. Von jeder Saisonkollektion legte er sich ein Exemplar zurück. Deshalb kann man so gut Gesellschaftskunde an den Perlen betreiben. 2001 gab er den Edelladen auf. Wie jede Privatsammlung ist sie also geprägt von Stil und Auswahl des Eigentümers. Zumal der Londoner Luxushändlers wohlhabende Kundschaft hatte, wie Kuratorin Adelheid Rasche erzählt. Vornehmlich aus dem Nahen Osten, die Damen der Emirate kauften gerne an der Themse ein. Elisabeth Taylor, Ava Gardner und Grace Kelly sah man bei Fior. Doch auch Mitglieder der britischen Krone und anderer europäischer Königshäuser gingen zu Feldman. Schließlich trägt man bei Charity-Terminen keine Kronjuwelen, sondern erhabenen Ersatz. Und der niederländische König kaufte bei Fior offenbar Tierbroschen, für seine Töchter. Verständlich, manche sind wie Miniskulpturen, etwa die Zirkustiere, darunter ein lustiger Seehund mit Perle auf der Nase, 1965 von Henkel & Grosse für Christian Dior entworfen.

Im Allgemeinen aber galt das Fior-Geschmeide als eher traditionell, dafür wertvoll in der Verarbeitung. Vor allem aber: von Laien gar nicht oder nur schwer als Fake zu erkennen.

Kunstbibliothek im Kulturforum, Matthäikirchplatz, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr. Bis 6. 10. Vortrag: 23.5., 18 Uhr. Katalog: 24, 90 Euro.