Gesellschaft

Hohelied auf das Biobewusstsein

Margot Käßmanns neues Buch will die Welt verbessern - was auch sonst?

Es gibt Bücher, die verkaufen sich wegen einer starken These, wie „Irre! Wir behandeln die Falschen“ von Manfred Lütz. Oder wegen eines aktuellen Themas, wie Dirk Müllers Euro-Buch „Showdown“. Oder weil der Kauf ein Statement ist, wie bei Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ und Stéphane Hessels „Empört euch!“. Oder unerwartet und grundlos, wie Alexander Ebens „Blick in die Ewigkeit“. Und dann gibt es die Bücher von Bestsellerautoren. Die verkaufen sich, egal, was drin steht, weil sie von Helmut Schmidt sind. Oder Peter Scholl-Latour. Oder von Margot Käßmann.

Käßmanns neues Buch heißt „Mehr als ja und amen. Doch, wir können die Welt verbessern.“ Was schon mal ein paar Fragen aufwirft: Wer sind „wir“? Und wer behauptet, „wir“ könnten die Welt nicht verbessern? Käßmann beantwortet die erste Frage gleich auf der ersten Seite: „Wir“ sind diejenigen, die – meistens von rechts – als „Gutmenschen“ abgetan werden und die – wie Käßmann mit einem Wort aus der Bergpredigt meint – „reinen Herzens sind“. Die anderen, gegen deren Widerstand die Welt verbessert werden muss, sind die Realpolitiker, Pragmatiker und Zyniker der Macht in allen Parteien.

Natürlich hat Käßmann recht. Das widerliche Wort „Gutmensch“ hat in einem Diskurs, der sich auf ein angeblich jüdisch-christliches Erbe bezieht, nichts zu suchen. Und: Ohne Idealisten geht die Welt vor die Hunde. Politisch freilich ist das Buch – und das macht einen Teil seiner Bestsellerqualitäten aus – von durchschlagender Harmlosigkeit. Die Welt verbessern, das heißt zum Beispiel „das Auto abschaffen, bewusst einkaufen, Unterschriften gegen Rüstungsexporte sammeln, sich bei der ‚Tafel‘ ehrenamtlich organisieren“. Außerdem soll frau sich die Zeit nehmen, die demenzkranke Mutter zu besuchen. Das Buch ist für die Profiteurin des Ehegattensplittings geschrieben, die mit dem Fahrrad zum Markt fährt, beim Biobauern einkauft, israelische Orangen boykottiert, der Roma-Bettlerin ein paar Cent gibt, die neueste Petition gegen das Böse unterschreibt und sich erschöpft im Café dem heilsamen Leerlauf hingibt, während sie ihrem Mann simst, er möge auf dem Nachhauseweg vom Büro kurz bei Mutti im Heim vorbeifahren.

Käßmann spricht von einer anzustrebenden „Kontrastgesellschaft“, die sie in der Bergpredigt des Jesus von Nazareth vorgebildet sieht. Wer aber die Gesellschaft gestalten wollte nach den Lehren des Rabbi Jesus, würde bald auf den Widerstand auch der herzensguten Menschen stoßen, die Käßmanns Bücher kaufen. Luther selbst würde ihr wohl die Illusion der Werkgerechtigkeit vorwerfen. Dass sie ein Gutmensch wäre, kann man Frau Käßmann nicht vorwerfen. Eher, dass sie die Radikalität des Christentums verniedlicht; dass sie Realpolitikerin ist.

Margot Käßmann: Mehr als ja und amen. adeo Verlag, 17,99 Euro