Sachbuch

Der Bikini war den Nudisten einfach zu erotisch

Ernst Horst beschreibt die Blütezeit der FKK-Bewegung

Bis Mitte der Zwanzigerjahre hieß FKK noch Nacktkultur. Der Begriff bezeichnete das gemeinsame nackte Sonnenbaden und Ballspielen von Männern, Frauen und Kindern an dafür freigegebenen Stellen. Ursprünglich war die Bewegung lebensreformerisch und asketisch geprägt. Mit Sex und Sexualität hatte FKK wenig zu tun, zumindest waren ihre Anhänger stets peinlich darum bemüht, diesen Eindruck zu vermeiden. Unter den Nationalsozialisten war das öffentliche Nacktbaden verboten, doch auch in der jungen Bundesrepublik kämpfte die Bewegung gegen zahlreiche Vorurteile und behördliche Schikanen. Dabei waren organisierte FKKler – übrigens ein genuin deutsches Phänomen – anständige Bürger, oft mit Familienanhang.

Dieses saubere Image sahen sie dann zunehmend durch die kommerzielle FKK-Presse bedroht, die zu Beginn der Fünfzigerjahre auf den Markt kam. Die überwiegend männlichen Käufer solcher Zeitschriften hatten mit Freikörperkultur vermutlich wenig am Hut und interessierten sich eher für die abgebildeten Schnappschüsse hübscher nackter Frauen vor Naturkulisse. Sicher, im Vergleich zu einer Gegenwart, waren diese Hefte, die so wohlklingende Titel wie „Helios“ oder „Sonnenfreunde“ trugen, eher ein papierenes Nonnenkloster; in der Adenauerzeit aber wurde die kommerzielle FKK-Literatur vehement bekämpft. Mit Inkrafttreten des Schmutz- und Schundgesetzes 1953 durften Hefte mit Bildern von Nackten nicht mehr offen am Kiosk und nur noch an Personen über achtzehn Jahre verkauft werden.

In seinem Buch „Die Nackten und die Tobenden“ lässt der Journalist und Kulturforscher Ernst Horst die Blütezeit der FKK-Bewegung von 1949 bis 1970 Revue passieren. Mit feiner Ironie stellt er uns die Aktivisten der Bewegung vor, die allen gesellschaftlichen Anfeindungen zum Trotz für ihre Sache fochten. Genüsslich zitiert er aus Prozessakten des Bundesgerichtshofes. Doch nicht nur konservative Politiker und die katholische Kirche bedrohten die Freiheit der Nackten, auch innerhalb der FFK-Bewegung tobten Grabenkämpfe. Familienväter machten Front gegen Freaks, Lebensreformer, darunter Vegetarier und Abstinenzler, bekriegten sich mit Hobbynudisten. Amüsiert und ein bisschen wehmütig blickt Ernst Horst auf eine Zeit zurück, in der schon mal die Polizei anrückte, um einen weiblichen Schneemann mit Brüsten zu entfernen. Wer etwas über das als verklemmt geltende Klima in den Fünfzigern und Sechzigern erfahren will, wird in diesem Buch fündig. Den Bikini etwa lehnten die Nudisten ab, er war ihnen zu erotisch.

Und wer eine voyeuristische Lust an der Betrachtung junger Damen „im Lichtkleid“ pflegt, kommt dank des reichen Bildmaterials auf seine Kosten. Auf den letzten Seiten ist dann doch noch ein unbekleideter Alibimann unter freiem Himmel bei der Morgentoilette abgebildet. Ob das dem Buch einen Zugewinn an Leserinnen bescheren wird? Wohl eher nicht.

Ernst Horst: Die Nackten und die Tobenden. FKK – Wie der freie Körper zum Kult wurde. Blessing, 22,99 Euro