Roman

Uralte Tonbänder von KZ-Überlebenden im Archiv gefunden

Nach seinem furiosen Roman „Sieben Seiten der Wahrheit“ von 2008 wuchtet der Australier Elliot Perlman erneut einen Wälzer in die Welt, der von Seite zu Seite tiefer fasziniert, zwischendurch bestürzt.

Was macht den Schrecken aus? Es ist das Thema Rassismus, Hass und Massenmord, das Perlman anhand der Biografien von drei Personen inszeniert. Da ist der 40-jährige Historiker Adam Zignelik: Er arbeitet an der Columbia-Universität in New York, erforscht die Geschichte der Rassentrennung in den USA. Ebenfalls in der Stadt lebt der Schwarze Lamont Williams. Er ist gerade aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er wegen eines Raubüberfalls mehrere Jahre einsaß. Zur Resozialisierung hat Lamont einen Job als Reinigungskraft in einer Klinik erhalten.

Dort trifft Lamont auf einen alten, krebskranken Mann, den Juden Henryk Mandelbrot, die beiden freunden sich an. Mr. Mandelbrot, wie Lamont ihn stets respektvoll nennt, hat Auschwitz überlebt, in einem Sonderkommando, das täglich die Menschen zu Tausenden in die Gaskammern führen und nach dem Mord die Leichen verbrennen musste. Davon hat Mr. Mandelbrot bislang niemandem erzählt, doch jetzt macht er den Putzmann zum Zeugen. Parallel dazu stößt Adam in einem Archiv in Chicago auf ähnliche Erinnerungen. In einem Karton findet er uralte Tonbänder. Sie enthalten Interviews, die ein amerikanischer Wissenschaftler 1946 mit KZ-Überlebenden in Deutschland aufnahm. Jahrzehnte später bringt Adam die Stimmen der Verfolgten wieder zum Sprechen. Die Bänder sind der dokumentarische Kern dieser „Tonspuren“, es gibt sie tatsächlich.

Elliot Perlman: Tonspuren. Aus dem Englischen von Grete Osterwald. DVA, München, 24,99 Euro