Konzert

Die Teufelsaustreibung des Martin Eder

Der Maler hat auch eine Band. Mit Ruin trat er in der Volksbühne auf

Fröhlich klackern die polierten Boulekugeln aneinander. Die Männer trinken Rotwein. Der Abend kündigt sich mit einem kühlen Orange in der Luft an. Vor der Volksbühne lassen sie vergnügt den Feiertag ausklingen. Aber die Gäste des Hauses bemerken gar nichts von dem mediterranen Schauspiel auf dem kleinsteinigen Untergrund. Eilig geht es hinein. Kurz vor acht.

Experiment mit Heavy Metal

Gleich tritt der deutsche Maler Martin Eder mit seiner dreiköpfigen Band Ruin auf. Er soll düsteren Metal spielen. Obwohl das zunächst befremdlich erscheint, schlussendlich ist das nur konsequent. Die Metal-Musik fügt sich nahtlos in sein Werk ein. Wer niedliche Kätzchen in Öl malt, wer nackte, gepeinigte Frauenkörper darstellt, wer sie als Skulptur zersägt, der weiß um die überbordende Unendlichkeit der Übertreibung, die ihm mit dem Wort „Kitsch“ angehängt wird.

Schließlich ist Heavy-Metal in seinen Ornamenten genauso bombastisch wie eine barocke Basilika Balthasar Neumanns. Der immer ein bisschen zu gut gekleidete Eder scheint einfach so heiter, so fröhlich allen auf der Nase herumzutanzen. Gott sei Dank tut er das.

Früher hieß seine Band ja „Richard Ruin“, das war ein Charakter von ihm. Sein ungesunder Geist, sein Dämon, mit dem er alles im Exzess herauslassen konnte. Und weil das zu viel war, Eder hatte eine Herzmuskelentzündung, war kurz sogar klinisch tot, gibt es den Charakter jetzt eben nicht mehr. Die Band aber ist geblieben. So tritt er ab und an im Berghain, in der Volksbühne oder in den Sophiensaelen auf.

Thomas Scheibitz setzt sich also in die Reihen in der Volksbühne. Genauso wie Anselm Reyle. Künstler schauen dem Künstler zu. „Ahs“ wie aus dem Rachen eines Seeungeheuers gehustet, werden tausendfach verstärkt über Hammer, Amboss und Steigbügel ins Mittelohr der Gäste geschossen. Ist der große Saal nun halb leer oder doch halb voll?

Drei dunkle Gestalten, die in der Mitte muss wohl Eder sein, stehen vor Pulten. Burkas, Schnabeldoktorengewänder, was immer sie auch tragen, es sind unheimlich dunkle, alles verhüllende Kostümierungen. Eders Klangexperiment kommt zunächst ganz ohne Rhythmik aus. Es sind bloß Töne. Von Synthesizern und den tiefen Bassstrukturen wird einem ganz schwindelig.

Eder singt jetzt. Es sind schreiende Angriffe auf die Harmoniebedürftigkeit der Welt. Worte sind nicht zu verstehen. Er streckt die rechte Hand nach oben, eine übertriebene Theatergeste, in der rechten hält er das Mikrofon. Manchmal drückt er auf Pedale, die vor ihm aufgebaut sind, um seiner Stimme noch mehr Verzerrung oder Hall zu geben.

Langsam entwickeln sich aus den Tönen Akkorde und nach etwa einer Stunde dann der erste Anflug von Beats. Leuchtende Kegel werden auf die drei Protagonisten verteilt. Ein brennender Gasballon erhellt ihr Spiel von hinten. Es ist ein Ausflug in die Disko. Wirklich, nach der verlorenen Zeit, nach dem leeren Tongebilde, ein erster Song. Der linke Kegel ist rot, der mittlere, der Eder umgibt, leuchtet grün und der äußere wieder rot.

Künstlerisch ist der Auftritt des Künstler schwer einzuordnen. Wer vermag schon genau zu sagen, wo die Grenze zwischen Theater, Performance, Konzert und Versuchsanordnung verläuft? Die Ohren schmerzen vom Dröhnen. Eders Dancefloor ist kein Wohlfühlort. Eders Tanzfläche ist eine Folterkammer. Eine beinhart, übercoole Metalmaschine. Lou Reed wäre sicherlich verzückt und Blixa Bargeld, auch er würde frenetisch applaudieren zu diesem Höllenfest der tonalen Teufelsaustreibung.