Theater-Kritik

Turbulenzen um ein Klappbett im Stundenhotel

Philip Tiedemanns „Floh im Ohr“ am Berliner Ensemble

Der Floh ist in Wahrheit eine Mücke, die zum Elefanten wird. Aber er hat sich nun mal festgesetzt, der Floh, im Ohr von Madame Chandebise. Schuld sind ein Paar Hosenträger. Adressiert an den Gatten und abgesendet von einem Hotel namens „Zur zärtlichen Miezekatze“. Das klingt für Madame nicht gerade nach Familienpension. Also ersinnt sie mit ihrer Freundin Lucienne einen Plan zur Überführung des vermeintlich untreuen Gatten. Lucienne hat auch sofort eine Idee, sie habe, sagt sie „sowas oft im Theater gesehen“.

Wohl wahr, der bürgerliche Seitensprung, gewürzt mit allerlei Verwechselungsturbulenzen, Türengeklapper, peinlichen Entblößungen und schrägen Vögeln, das entspricht zunächst einmal allen gängigen Regeln boulevardesker Bespaßungskunst. Aber sein aberwitziges Arrangement des Banalen und das bis ins letzte Detail ausgetüftelte Timing bescheren Georges Feydeaus Belle-Époque-Posse „Floh im Ohr“ von 1907 völlig zu Recht einen Platz in der Hall of Fame der gehobenen Klamotte. Zusätzlich geadelt wurde der Dreiakter schließlich durch eine nochmals zuspitzende Übersetzung von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek.

Am Berliner Ensemble hat sich jetzt Regisseur Philip Tiedemann den fidelen Feydeau vorgenommen. Im gut gebauten Stück interessiert ihn vor allem das Erbauliche, der Spaß. Davon gibt es reichlich. Wie nämlich das Paar Hosenträger eine Lawine der lustvollen Lächerlichkeit ins Rollen bringt, wie ein fingierter Liebesbrief beinahe jeden mit jeder in ein Klappbett eines Stundenhotels bugsiert, wie die Nerven blank liegen und die bürgerlichen Gerüchte und Gelüste brodeln. Zum Spiel gehören: Ein sehr erotisierter Rugby-Spieler, ein sehr eifersüchtiger Spanier, allerlei sehr echauffierte Damen. Ferner ein höchst bedauernswerter Neffe, dem aufgrund einer Gaumenspalte sämtliche Konsonanten abhanden gekommen sind. Dann ist da natürlich noch der Herr des Anstoßes selbst, Versicherungsdirektor Victor-Emmanuel Chandebise. Der hat eine unglückselige optische Ähnlichkeit mit Poche, dem verschlufften Hausdiener des Stundenhotels, was Joachim Nimtz eine dankbare Doppelrolle beschert.

Zusätzlich steigert Regisseur Tiedemann zusammen mit seinem Bühnenbildner Norbert Bellen das Ganze noch ins vollends Absurde, indem er die Figuren in Zimmern ohne Wände platziert, wer sich anlehnt in diesem Tollhaus, droht ins Leere zu kippen, und ständig reichen unsichtbare Hände Requisiten von innen nach außen und umgekehrt. Zusammen mit all den Türen, Fenstern, den drei Bodenluken und dem Klappbett erreicht das ein enormes Tempo, das bisweilen an Hektik grenzt. Allein der zweite Akt verzeichnet grob überschlagen mehr als 100 Auf- und Abgänge. Trotzdem ist dieser Abend einer, der Spaß macht, weil ein bestens aufgelegtes Ensemble aufdreht.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Tel. 28408155 Am 27.5.