Musik

„Wir machen keinen Fußballsong mehr“

Sportfreunde Stiller stellen nach sechs Jahren wieder ein Studioalbum vor und glauben, endlich erwachsen zu sein

„New York, Rio, Rosenheim“ heißt das neue Album von Peter Brugger (40), Florian Weber (38) und Rüdiger Linhof (40). Es ist das erste Studioalbum der Sportfreunde Stiller nach sechs Jahren. Es ist wieder ein Mischung aus Mutmach-und-Mitgröl-Liedern sowie einigen nachdenklichen Stücken. Steffen Rüth traf die drei Musiker aus Germering bei München zum Gespräch in Berlin.

Ihr neues Album erscheint am 24. Mai, am Tag vor dem Champions-League-Endspiel zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund. Rechnen Sie sich höhere Verkaufszahlen aus, falls die Bayern gewinnen?

Flo Weber:

(1860 München-Fan) Die Frage stellt sich nicht, da die Bayern mordsmäßig Angst vor den Dortmundern haben und verlieren werden.

Peter Brugger:

(FC Bayern-Fan) Natürlich gewinnt Bayern. Aber was den eigenen Erfolg angeht, sind wir glücklicherweise nicht mehr abhängig von den Ergebnissen einer Fußballmannschaft. Das haben wir einmal mitgemacht, und es war nervenaufreibend genug.

Ist Ihnen der große Fußballhit „‘54, ‘74, ‘90, 2006“, mit dem Sie zur WM 2006 für Wirbel gesorgt hatten, im Nachhinein unangenehm?

Brugger:

Nein, aber wir möchten, dass unsere Lieder für sich selbst sprechen, ohne Bezug zu einer Sportart.

Rüdiger Linhof:

Nach der Fußballplatte „You have to win Zweikampf“ haben wir als Band zu wackeln angefangen, deshalb haben wir nicht nur positive Erinnerungen an diesen Sommer.

Brugger:

Das lag aber nicht nur an der Fußballplatte, sondern auch an uns selbst. Die Band existiert seit 1996, wir haben das praktisch ohne nennenswerte Pause durchgezogen, hatten vor über zehn Jahren mit „Ein Kompliment“ unseren Durchbruch und dann ging es einfach immer so weiter. Und nach der Fußballplatte wurde es eben richtig anstrengend.

Scheiterte deshalb vor sechs Jahren Ihr letztes Studioalbum „La Bum“?

Weber:

Wir hatten „La Bum“ so schnell veröffentlicht, weil wir durch den Supererfolg sehr stark auf das Thema „Fußballaffinität“ reduziert wurden. Wir dachten, wir müssen uns befreien und schnell ein reguläres Album nachlegen. Die Platte kam nicht so toll an, die Hallen, die wir gebucht hatten, waren nicht voll, plötzlich herrschte eine große Unsicherheit.

Dann kam das „Unplugged“-Album inklusive Ihres Duetts mit Udo Jürgens – und alles war wieder gut?

Linhof:

Die „Unplugged“-Phase war geil, wir waren ja auch fast zwei Jahre, bis Ende 2010, mit dem Album auf Tour. Seitdem ist unser Publikum noch viel gemischter, plötzlich kommen Leute um die 50, denen unsere Identität und das Image egal sind, und die einfach die Musik gut finden. Wir scheinen jetzt aus sämtlichen Genres und auch aus dieser hippen Indie-Ecke endgültig rauszuwachsen. Endlich, möchte man sagen.

Das Jahr 2011 haben Sie sich komplett frei genommen. Warum?

Weber:

Wir wollten die Pause eigentlich schon vorher nehmen, aber dann war es allerhöchste Zeit. Wir brauchten die Zäsur, den Stillstand, den Müßiggang.

Brugger:

Schon vor dem „Unplugged“-Album haben wir lange diskutiert, ob wir das wirklich machen wollten. Es war ein großes Bedürfnis da, Ruhe einkehren zu lassen, nicht immer an die nächsten Pläne, die nächsten Konzerte, die nächste Platte denken zu müssen. Wir mussten Kraft tanken und in uns hineinhorchen. Und wir mussten endlich mal selbst was auf die Beine stellen, ohne die anderen beiden.

Linhof:

Wir haben immer ein sehr enges gemeinsames Leben geführt, 15 Jahre lang. Du wirst älter, bindest dich, gründest vielleicht eine Familie, baust dir ein eigenes Leben auf. Darauf wollten wir uns eine Zeit lang konzentrieren, auf dieses Leben jenseits der Sportfreunde. Man will sich ja auch verändern und wachsen. Ich würde das alles nicht als Krise bezeichnen, sondern als normale, gesunde Entwicklung.

Was haben Sie denn so getrieben?

Weber:

Der Rüde hat ein Album von Fiva & Das Phantom Orchester produziert, ich habe mein zweites Buch geschrieben, den Roman „Grimms Erben“, und der Peter ist unter die Gastronomen gegangen.

Brugger:

Zusammen mit zwei Kumpels habe ich eine Bar am Gärtnerplatz aufgemacht, „Milla“ heißt die. Es müssen wieder mehr lässige Läden, in denen auch mal Livemusik gespielt wird, in die Innenstadt.

Ist „New York, Rio, Rosenheim“ jetzt ein Comeback, ein Neuanfang?

Brugger:

Von mir aus können wir es Comeback nenne oder es sein lassen. Die richtige Pause hat ja nur ein Jahr gedauert. Wäre es nach dem Flo gegangen, hätten wir sogar schon früher wieder angefangen. Flo hat immer Hummeln im Arsch, ich war eher der, der ein bisschen gebremst hat.

In „Wieder kein Hit“ heißt es, dass Ihnen einfach keine guten Nummern mehr einfallen. Ist das Selbstironie oder schon ein Burnout-Song?

Brugger:

Vom Burnout bin ich weit entfernt. Ich sehe den Song auch nicht so therapiemäßig, sondern witzig und ehrlich. Es geht ja darum, wie schön und befreiend ein Tag ist, an dem man eigentlich jede Menge zu tun hätte, aber einfach mal gar nichts macht, sich treiben lässt, faul ist. Ohne schlechtes Gewissen. Oft bringt es einen weiter, sich entspannt durch den Tag treiben zu lassen.

Ihre Plattenfirma wirbt damit, dass die Sportis der Pubertät nun endgültig „Auf Wiedersehen“ sagen.

Linhof:

Sagen wir lieber, wir verabschieden uns von einigen Bestandteilen der Pubertät, zum Beispiel von der Naivität. Mit 40 hat man schon so einige Höhen und Tiefen miterlebt.

Weber:

Ich will aber auch Kind sein bis zu meinem Abgang. Ich fände es fad, wenn man denkt, man muss jetzt so gesetzt sein, dass man nicht mehr über Grenzen gehen und sich daneben benehmen darf. Deshalb hat uns ein Lied wie „Unter unten“ besonders viel Spaß gemacht.

„Unter unten“ klingt nach Kirmesdisco und Scooter, es dreht sich um einen herrlich heftigen Absturz und überrascht mit Textzeilen wie „Wir schnuppern kurz an einer Brust“.

Brugger:

Man muss es mitsingen! Es geht in dieser Szene ja darum, dass Niveau so weit wie möglich nach unten zu drücken.

Weber:

Speziell live wird „Unter unten“ sehr gut funktionieren. Das Lied ist primitiv.

Wie läuft ein niveauloser Abend ab?

Linhof:

Am besten ungeplant. Obwohl, mit Vorsatz geht es auch, dann kommt noch die Vorfreude dazu.

Brugger:

Mit 40 ist das genauso lustig wie mit 20. Der Unterschied ist bloß: Mit 40 ist das Schamgefühl am nächsten Morgen größer. Und der Kater heftiger.

Ist etwas zur WM 2014 geplant?

Brugger:

Nein, wir machen keinen Fußballsong mehr. Außerdem – 2014. Die Zahl kriegen wir gar nicht rein in unser berüchtigtes Lied.