Gedenken

Wagner steht im eigenen Schatten

Stefan Balkenhol hat in Leipzig das umstrittene Denkmal aufgestellt

Ein Wagnerdenkmal in Leipzig? Es gebe Wichtigeres, hat Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung vor einiger Zeit gemeint. Aber bitte, wenn man durch die Tür von Bach gehe und dahinter zufällig auch Wagner finde… Die Botschaft war klar: Geliebt wird dieses Denkmal nicht. Eher geduldet.

Seit Mittwoch jedenfalls findet man Wagner in Leipzig. In einem kleine Park, nicht weit von der Stelle, wo bis 1886 am Brühl sein Geburtshaus stand, aber etwas abgelegen. Und: Vor der ehemaligen Stasi-Zentrale, in der heute Teile der Stadtverwaltung untergebracht sind. Dieser kontaminierte Betonblock sollte schon lange weg, ist aber immer noch da. So ist das in Leipzig. Und natürlich war auch niemand aus dem Rathaus dabei, als Stephan Balkenhol am Mittwoch seinen Wagner auf dem 1913 Torso gebliebenen Marmorsockel von Max Klinger installierte. Er habe nichts andere erwartet, meinte Peter Gischke dazu nur, und dass man es ohne Balkenhols großes Engagement gar nicht geschafft hätte. Gischke ist stellvertretender Vorsitzender des Wagner Denkmal Vereins.

Tatsächlich hat die Stadt lediglich die Klinger-Treppe wiederhergestellt und den Sockel herbeigeschafft, den die Leipziger gern „Porno-Würfel“ nennen – wegen der drei nackten Rheintöchter auf der Schauseite. Der von Gischke vor sieben Jahren gegründete „Wagner Denkmal“-Verein hat einen Teil des Geldes durch den Verkauf von Stifterbriefen herangeholt. Aber den Löwenanteil hat Balkenhol finanziert: durch den Verkauf von 25 Bronzerepliken. Das dürfte in der Denkmalgeschichte einmalig sein.

Trotz der katastrophalen Vorgeschichte wirkte Balkenhol am Mittwoch gelöst und glücklich. Eigentlich ist er Anti-Wagnerianer: „Ich habe bis auf einen Parsifal in Salzburg mit Wagner nichts zu tun gehabt, und ich glaube, es war gut, dass ich den nicht gesehen habe, bevor ich den Auftrag übernommen habe“. In seiner Skulptur bündelt er mit einem frappierend einfachen Trick die komplette, nicht abreißende Wagner-Diskussion in seinem Entwurf: Der naturalistische, lebensgroße Wagner steht vor dem eigenen gigantischen Schatten, den er durch die Jahrhunderte geworfen hat. Wer etwas von Denkmälern versteht, wird froh sein, dass sich die Jury nicht für den Entwurf des zweiten Preisträgers entschieden hat. Sonst würde Richard Wagner jetzt auf einem Skateboard vor der Stasi-Zentrale herumfahren.