Klassik-Kritik

Die Hohe Kunst, zwischen den Noten zu fühlen

Die Pianistin Alice Sara Ott brilliert und scheitert zugleich

Yundi Li oder Alice Sara Ott? Schwierige Entscheidung. Beide vielversprechend talentiert, beide zur gleichen Zeit in der Philharmonie zu hören. Gemessen an der niedrigen Zuschauerzahl im Kammermusiksaal muss Alice Sara Ott wohl als Verliererin gelten. Doch die deutschjapanische Münchnerin scheint die leeren Ränge gar nicht wahrzunehmen. Leichten Schrittes und mit allerliebstem Lächeln nähert sie sich dem Publikum. Ein lilafarbenes Kleid verhüllt ihre fragile Figur. Die nackten weißen Füßchen ruhen auf den Pedalen des Steinways. Vergessen ist der wirbelnde Eventcharakter des Yuja Wang-Auftritts vom Vorabend. Bei Alice Sara Ott steht die Musik an wohltuender erster Stelle. Der Einstieg gelingt perfekt: Mozarts Duport-Variationen wachsen innig aus den Tasten, zeugen von hoher Anschlagskultur. Die Pianistin beherrscht die Kunst des Nachhörens, des Zwischen-den-Noten-Fühlens. Selbstvergessen summt sie zuweilen mit. Ihr Mozart erinnert an Mitsuko Uchida in jüngeren Jahren – und das ist durchaus als Kompliment zu verstehen.

Auch Schuberts D-Dur-Sonate D 850 befindet sich auf beachtlichem Niveau. Doch eigentlich klingt dieser Schubert gar nicht nach Schubert, sondern vielmehr nach Mozart und mittlerem Beethoven. Es fehlt die frühromantische Atmosphäre, die träumerische Versunkenheit. Keine Frage: Ihr Lehrer hat Alice Sara Ott einst beste technische Voraussetzungen und große musikalische Intelligenz eingepflanzt. Doch poetische Inspiration und Klangmagie scheinen weiter ausbaufähig zu sein. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis dieser Schubert in voller Blüte steht.

Nach der Pause dann das Drama: Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ misslingen. Alice Sara Ott ist dem Zyklus körperlich nicht gewachsen. Tragisch, dass sie das selbst nicht gemerkt hat. Unverständlich auch, dass ihr noch niemand von dem Werk abgeraten hat. Voluminöse Dauer-Fortissimi lassen sich bei ihrer schmächtigen Konstitution gar nicht erreichen. Auch wenn sie sich noch so anstrengt. Auch wenn ihre Finger mit aller Macht auf die Tastatur einstechen. Hohle Brutalität ist das unausweichliche Ergebnis. Gegen Ende sind ihre Kräfte zusehends aufgebraucht – das Große Tor zu Kiew klingt eher wie eine große Tür.

Der Pianistin schadet das. Der gute Eindruck der ersten Konzerthälfte ist getrübt. Auch ihre aktuelle CD mit Mussorgsky und Schubert, gewissermaßen die CD zum Konzert, erscheint nun nicht mehr so attraktiv. Was wäre die Alternative gewesen? Alice Sara Otts atemraubend brillante Liszt-Paganini-Etüde Nr. 5 gibt eine überzeugende Antwort: am besten gleich Liszt-Paganini als Sixpack. Denn die feine, leichtfüßige Virtuosität, die hier verlangt wird, liegt der Pianistin wirklich.