Klassik-Kritik

Ovationen für ein Orchester, dessen beste Zeit vorbei ist

New Yorker Philharmoniker: Auftakt im Konzerthaus

Das erlebt man in Berlin auch nicht alle Tage – ein Orchester, das in der Pause munter und fleißig für die zweite Konzerthälfte übt. Die New Yorker Philharmoniker tun es. Sie ziehen in diesen Tage durch Deutschland, mit wechselnden Konzertprogrammen und wechselnden Solisten. Am Gendarmenmarkt geben die Amerikaner mit ihrem Chefdirigenten Alan Gilbert gewissermaßen ein doppeltes Gastspiel: auf Einladung der Dresdner Musikfestspiele, die wiederum dem Konzerthaus Berlin einen Besuch abstatten.

Auch Emanuel Ax ist mitgekommen, ein gediegener Pianist, der in Büchern über bedeutende Klavierinterpreten regelmäßig vergessen wird. Als Solist von Mozarts reifem C-Dur-Klavierkonzert KV 503 bleibt Ax allerdings eher unspektakulär. Wie ein Universitätsprofessor im gut gelaunten Ruhestand sitzt er über den Tasten. Entlockt dem Flügel silberglänzende Läufe, modelliert offensive Kantilenen, taucht seine Lieblingsstellen in feines romantisches Licht. Und unternimmt einiges, um dem Orchester zu helfen. Denn das ringt hörbar mit der komplizierten Akustik des Konzerthauses. Auch im zweiten Satz hat der Dirigent noch nicht die rechte Balance gefunden, noch nicht die notwendige Prägnanz. Ax beendet das kammermusikalische Kuscheln. Er reißt im Finale klar die Führung an sich.

Durchwachsen dann Tschaikowskys „Pathétique“ nach der Pause. Wie scharfe Kampfhunde lauern die Blechbläser in der Ecke. Beißen bei erster Gelegenheit erbarmungslos auf die Streicher ein. Immer wieder schleudert Dirigent Gilbert dem Publikum scharf akzentuierte Nebenstimmen in die Ohren. Die Dominanz des Blechs ist erdrückend. Streckenweise klingt die Sinfonie gar wie ein Tuba-Konzert. Das Scherzo fährt den New Yorkern wie ein zackiger Militärmarsch von John Philipp Sousa in die Glieder. Im Finale hat Tschaikowsky sein eigenes Begräbnis in zutiefst erschütternde Töne gekleidet. Kann es danach überhaupt noch eine Zugabe geben? Bei Alan Gilbert schon. Zunächst lässt er Bernsteins gospelndes „Lonely Town“ anstimmen. Danach reißt er Tschaikowsky urplötzlich mit der pompösen „Onegin“-Polonaise ins Leben zurück.

Fast abzusehen, dass die New Yorker Philharmoniker damit stehende Ovationen provozieren. Und dennoch: Die Erkenntnis macht sich breit, dass dieses Orchester schon deutlich bessere Tage erlebt hat. Über ein Dutzend Weltklasse-Dirigenten konnte es beherbergen – darunter Arturo Toscanini, Bruno Walter und Leonard Bernstein. Namen, die den New Yorkern einst eine stolze Sonderstellung einbrachten. Dass dieser Traditionsbonus aufgebraucht ist, wird im orchesterverwöhnten Berlin leider deutlich.