Kunst

Kehraus in der Auguststraße 69

Ein Wende-Kind wird aufgehübscht: Ellen Blumenstein ist Chefin der Kunstwerke in Mitte. Sie hat das Haus erst einmal entleert

Wo bitte kommt die Fruchtfliege her? Ganze 2,1 Meter spannen sich ihre transparenten Flügel im Ausstellungsraum der Kunstwerke (KW). Skurril, wie das Ding da schwebt. Die Drosophilidae in XXL sieht verdammt echt aus, besonders die feinen flimmrigen Härchen an den Beinen. Jedes Detail stimmt. Macht richtig Spaß, sich das Tierchen von allen Seiten anzuschauen. Kunst ist das nicht, sondern ein Meisterstück von Christa Michel, ehemals beste Modellbauerin der DDR. Sie arbeitete lange am Hygiene-Museum in Dresden. Ellen Blumenstein hat das das haarige Teil dort ausgeliehen, um die „Grenzen von Kunst sichtbar zu machen“. Wann ist Kunst Kunst? Die gute, alte Frage. Der Brummer hat durchaus skulpturale Qualitäten. Jedenfalls will Blumenstein künftig mit dem Haus an der Elbe kooperieren. Demnächst gibt es da eine Schau zum „Reichtum“. Themen, die auch „für die Kunst interessant sind und uns alle etwas angehen“.

Alles wirkt hell und offen

„Relaunch“ heißt die erste Ausstellung von Ellen Blumenstein, die eigentlich keine ist. „Relaunch“ kommt aus den Medienwelt und bedeutet, eine Zeitung oder ein Magazin zu überarbeiten und zeitgemäßer zu gestalten. Passt genau zu Ellen Blumenstein: Sie ist die neue Chefkuratorin im Haus für Gegenwartskunst in Mitte, 37 Jahre alt, Nachfolgerin von Susanne Pfeffer, die in die Documenta-Stadt Kassel geht. Auch die Berlin Biennale ist ans Haus gebunden. Genau genommen hat sie ein richtiges Kehraus veranstaltet in der Auguststraße, Hausnummer 69. Das denkmalgeschützte Haus ist nun architektonisch entkernt, der ursprüngliche Zustand der 90er Jahre wiederhergestellt. Wände sind weg, Fensterschlitze in der Halle freigelegt, die alte Bar im Keller ist wieder geöffnet. Und an der Wand im Entree sieht man plötzlich wieder die Betoninstallation „Tegeler Weg“ von Olaf Metzel. Sie stammt noch aus der RAF-Ausstellung und war über die Jahre zugemauert.

Blumensteins Vorteil ist, sie kennt das Haus bereits. 2005 kuratierte sie zusammen mit dem Ensslin-Sohn Felix die heftig diskutierte RAF-Ausstellung „Zur Vorstellung des Terrors“. Und von 1998 bis 2005 arbeitete sie hier schon unter Klaus Biesenbach. Der Jetsetter in Sachen Kunst ist heute Chefkurator und ziemlich weit oben im Museum of Modern Art in New York. Ein Jahr war die Berlinerin am New Yorker PS. 1, langjähriger Ausstellungspartner der KW.

„Sehen Sie, wie schön das Haus ist?“, fragt Ellen Blumenstein. Die Frau hat recht, alles wirkt wunderbar hell und offen, und es scheint, als hätte die Kuratorin die vielen Zeitschichten, die sich in der Architektur seit über zwei Jahrzehnten abgelagert haben, einfach weggekratzt. Wir erinnern uns: Die Kunstwerke sind ein Wende-Kind der frühen Neunziger, als Klaus Biesenbach sie zusammen mit anderen Künstlern gründete, da war das Haus bloß eine verfallene Magarinefabrik. Die Zeiten ändern sich, so wie Mitte sich geändert hat und die Auguststraße. Draußen ziehen die Touristen in Scharen vorbei. An manchen Wochenenden wird die enge Straße fast zur Fußgängerzone. „Damit haben wir auch ein neues Publikum“, sagt Blumenstein. „Darauf sollte eine Institution eingehen, flexibel sein.“ Das Wichtigste heute sei, Substanzielles mit Freude an der Kunst zusammenzubringen. Sonst funktioniere das nicht mehr.

Sie zeigt uns das draußen vor der Tür. Hier, erzählt sie, hätte sie gerne direkt am Eingang ein großes Fenster eingebaut, damit sich das Haus dem Publikum stärker zur Straße hin öffnet. Geht nicht, der Denkmalschutz intervenierte. Stattdessen ist der Fensterrahmen nun mit rotem Filzer auf dem Putz markiert. Zusammen mit einer Erklärung in Englisch, warum ein Fenster kein Fenster wird. Kunst, sagt Blumenstein, hat immer mit Träumen zu tun, mit Wunsch und Wirklichkeit. Und warum bitte darf sie nicht träumen? Olafur Eliasson jedenfalls ist dabei, etwas für den Eingangsbereich zu entwerfen.

Wir merken schnell, Blumenstein liebt subtilen Witz. Wie jenen des bulgarischen Künstlers Nedko Solakov. Mit ihm ist sie durchs ganze Gebäude gegangen und hat ihre Pläne für die Zukunft diskutiert. Dabei hat er überall minimale Intervention in Form von Kommentaren oder Figuren hinterlassen. Schwarze Männchen oder Schnecken, kleiner als die Kuppe des kleinen Fingers, die an den Wänden der KW „laufen“. Schwarzer Humor und Imagination, so hat Solakov mal erzählt, sind sein Kapital gewesen, um einst dem Sozialismus im eigenen Lande etwas entgegenzusetzen. Jetzt kann sich der Besucher mit Solakovs Markierungen – ähnlich einer Schnitzeljagd – treppauf, treppab quer durchs Gebäude bewegen. „Jeder findet hier irgendwo seine Geschichten“, glaubt Blumenstein. Im Untergeschoss etwa steht ganz allein mitten im Raum ein etwas schäbiger Schneidetisch. Alles manuell zu bedienen, 70er Jahre. Er stammt von Christoph Schlingensief, der im Rahmen eines Stipendiums einmal in den KW gearbeitet hat. Das Möbel lagerte lange im Keller. Am 30. November wird Blumenstein die große Schlingensief-Retro eröffnen. Das ganze Haus wird bespielt, 2000 Quadratmeter.

„Eine sehr emotionale Schau“, sagt sie. Man hätte eine entsprechende Ausstellung früher planen können, doch der Abstand sei ein „guter Moment, um mit der Aufarbeitung des Werkes zu beginnen.“ Klaus Biesenbach wird sicher aus New York einfliegen. Schlingensief wird auch dort gezeigt. Doch die Verbindung Berlin/New York ist anders geworden. „Man schielt nicht mehr verkrampft über den Atlantik“, lacht Blumenstein. Berlin ist halt selbstbewusster geworden. „Früher hatte die Stadt einen richtigen Komplex. Dann war es so, dass New York einen Komplex hatte, die Künstler wollten alle hierher.“ Nun sei das Verhältnis ausgewogen, beide Städte schätzten sich als „bevorzugter Tanzpartner“.

KW, Auguststr. 69, Mi-Mo 12-19 Uhr, Do 12-21 Uhr. Bis 25. Mai.