Klassik-Kritik

Philharmonie: Bartoks ruppige, jugendliche Vitalität

Mariss Jansons lebt gefährlich. Presst regelmäßig hundertfünfzig Prozent aus sich heraus.

Hat sich schon zweimal fast zu Tode dirigiert hat. Die Berliner Philharmoniker musste der lettische Maestro nun krankheitsbedingt sausen lassen. Als Ersatz dampft der bullige Niederländer Jaap van Zweden aufs Podium. Es ist sein Debüt in Berlin. Er wirft den kahlen Kopf in den Nacken. Wippt seinen massiven Körper auf den Zehen. Und los geht es mit Bartoks Konzert für Orchester aus dem Jahre 1943.

Van Zweden führt ein strenges Tempo-Regiment, gibt mittels ausgefeilter Schlagtechnik jeden Einsatz, jeden Akzent, jede dynamische Nuance vor. Ein A-Orchester, das Wolfgang Rihm oder Peter Eötvös aufführen möchte, hätte sicherlich seine Freude an Van Zwedens präzisen Anweisungen gehabt. Doch vor dem Dirigenten sitzen die Philharmoniker, die Bartoks Konzert seit Jahrzehnten fest im Repertoire haben und fast im Schlaf beherrschen. Van Zwedens überdeutliche, belehrende Art wirkt da etwas deplatziert. Wie gut, dass die Musiker sich trotzdem so wohlwollend führen lassen. Sie danken Van Zweden das kurzfristige Einspringen herzlich. Und der Dirigent, das muss man ihm lassen, hat seine Hausaufgaben gemacht, ist bis ins letzte Detail vorbereitet. Interessant, wie er dem Spätwerk Bartoks die Altersmilde konsequent austreibt und stattdessen ruppige, jugendliche Vitalität herauskitzelt.

Vielen Stellen tut das gut, manchen weniger: Es fehlt der Musik die Zeit zum Atmen. Der Abend gehört vor allem den Solisten des Orchesters – sie blasen und streichen um die Wette, übertrumpfen sich gegenseitig mit betörend geschwungenen Kantilenen. In Brahms‘ erster Sinfonie geht es damit frisch und munter weiter. Der langsame zweite Satz gerät schmucklos, im Finale geht der Dirigent dafür in die Vollen. Er wirft seine Opernerfahrungen in die Waagschale, bauscht Brahms theatralisch auf, lässt ihn in aller Fortissimo-Schärfe dem Ende entgegenfetzen.