Theater

Ein Liebesende mit prominenter Besetzung

Désirée Nosbusch spielt in „Tag der Gnade“ eine Geliebte

Überall Staub. Er rieselt vom Küchentresen und überzieht das schwarze Ledersofa mit einem hellen, grauen Film. Auf diesem Sofa sitzt Ben. Was ein Wunder ist, denn vor 24 Stunden rasten zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Centers und Ben hätte zu diesem Zeitpunkt in einem dieser Türme in seinem Büro sein müssen. Stattdessen war er zum erotischen Schäferstündchen mit seiner Chefin und Geliebten Abby in diesem, ihrem Apartment. Was außer ihnen beiden natürlich keiner weiß. Schon gar nicht Bens Frau. Ben nennt das einen „Freifahrtschein“ für sich und Abby, einfach abhauen, sich tot stellen, durchbrennen, jetzt wäre es möglich.

Dass das so nicht passieren wird, ist dem Zuschauer ziemlich schnell klar, aber wie das nicht passiert, das konstruiert Neil LaBute in seinem Zwei-Personen-Stück „Tag der Gnade“ schon mit sehr viel psychologischer Raffinesse. Zu sehen ist das Stück als Regiedebüt von Herbert Knaup jetzt im Theater am Kurfürstendamm in höchst prominenter Besetzung: Ben wird gespielt von Roman Knižka, Abby von Désirée Nosbusch, die just am Morgen der Berlin-Premiere noch mit ihrer eigenen Beziehung zu Daimler-Chef Dieter Zetsche, die vielleicht gar keine war, zumindest aber keine mehr ist, auf den Titelseiten der Boulevard-Presse landete. Zu diesem Thema wollte die Schauspielerin am Premierentag allerdings nicht mehr viel sagen, außer: „Wir sind kein Paar.“

Abby und Ben dagegen müssen sicher mal sehr verschossen ineinander gewesen sein. Dass das allerdings schon lange nicht mehr so ist, offenbart der gesamte Rest ihres Dialoges. Während draußen die Stadt in Schutt und Asche liegt, zertrümmern die beiden da drinnen nämlich ihre Beziehung. Ground Zero ist für die zwei die Kulisse für ihre ganz private Stunde Null.

Deshalb ist dieses Stück auch keins, an dem sich Regisseure besonders austoben können, sehr wohl aber die Schauspieler. Roman Knižka und Désirée Nosbusch finden ihre Positionen in dieser emotionalen Enklave zwar erst mit Verzögerung, aber nach einer knappen halben Stunde ist alles da, wo es sein soll. Sein resignierter Verstehe-einer-die-Frauen-Blick, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Und ihr überheblicher Spott, der verächtliche Zug um die Mundwinkel, aber auch die Sehnsucht, die keiner mitbekommen soll.

Neil LaButes „Tag der Gnade“ ist zwar ein well-made-play, aber halt kein Wohlfühlstück. Und ja, es ist ein Stück über Terror, und zwar über den, den sich zwei Menschen zufügen können, die sich mal sehr nahe waren.

Theater am Kurfürstendamm, Kurfürstendamm 206/209, Charlottenburg. Bis 21. Mai. Tel. 88 59 11 88